Zytokinsturm bei COVID-19: IL-6-Antagonist bremst überschießende Entzündung und senkt Sterblichkeit

  • Lancet Rheumatology

  • von Dr. Nicola Siegmund-Schultze
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Bei schwerem Verlauf von COVID-19 bremst der Interleukin-6-Rezeptor-Inhibitor Tocilizumab überschießende Entzündungsrekationen, die Organschäden verstärken können. Eine große Kohortenstudie an Zentren besonders stark von der Pandemie betroffener Regionen in Italien weist daraufhin, dass die Gabe des Anti-Zytokin-Antikörpers die Wahrscheinlichkeit einer künstlichen Beatmung und das Sterblichkeitsrisiko erheblich reduziert.

Hintergrund
Das klinische Bild der SARS-CoV-2-Infektion ist sehr heterogen, 10 bis 20 Prozent der Erkrankten haben einen schweren Verlauf. Das Severe Acute Respiratory Syndrom (SARS) ist häufig mit einem Zytokinsturm assoziiert, der die Lungen, aber auch andere Organe erheblich schädigt und funktional beeinträchtigt. Interleukin 6 (IL-6) ist eines der daran beteiligten Zytokine. Tocilizumab wird bereits bei schwer verlaufenden rheumatischen Erkrankungen angewandt, und auch bei überschießenden Immunreaktionen nach einer CAR-T-Zell-Behandlung von onkologischen Patienten. Nun ist Tocilizumab an Kliniken in stark von COVID-19 betroffenen Regionen Norditaliens Patienten zusätzlich zur Standardtherapie gegeben worden.

Design

  • Retrospektive Kohortenstudie, in die Erwachsene (> 18 Jahre) mit schwerer COVID-19-Erkrankung eingeschlossen wurden
  • Studienperiode: 21. Februar bis 30 April 2020
  • Studienteilnehmer: 1351 stationär behandelte Patienten mit schwerer Pneumonie, definiert durch Kriterien wie
    • Atemfrequenz > 30/Min,
    • Sauerstoffsättigung im peripheren Blut
    • Lungeninfiltrate von > 50 % innerhalb von 48 h
  • Therapie:
    • Standard: Sauerstoff-Supplementation, Hydroxychloroquin, Azithromycin, antiretrovirale Medikation, niedermolekulares Heparin und bei einem Teil (nicht randomisiert) zusätzlich
    • Tocilizumab, entweder 8 mg/kg i.v. (bis maximal 800 mg) in zwei Infusionen im Abstand von 12 Stunden oder 162 mg subkutan zwei Mal (insgesamt 324 mg), je nach Verfügbarkeit des Antikörpers
  • Primärer Endpunkt zusammengesetzt aus der Rate der Patienten mit Notwendigkeit zur künstlichen Beatmung und Sterblichkeit

Hauptergebnisse

  • 1.341 Patienten wurden stationär behandelt, davon hatten 40 % (n = 544) eine schwere Verlaufsform. 365 Patienten erhielten die Standardtherapie und 179 zusätzlich Tocilizumab. In der Standardgruppe starben 20 % der Patienten (n = 73) und bei der zusätzlichen Antikörpergabe 7 % (n = 13), ein hoch signifikanter Unterschied (p
  • 36,5 % in der Standardgruppe erreichten den zusammengesetzten Endpunkt, und 22,6 % in der Tocilizumab-Gruppe. Die Wahrscheinlichkeit für das Eintreten des zusammengesetzten Endpunktes sank damit um 40 % (adjustierte Hazard Ratio: 0,61).

Klinische Bedeutung
Diese vergleichsweise große Kohortenstudie stützt nach Angaben der Autoren die Gabe von Tocilizumab intravenös oder subkutan bei SARS durch das neuartige Coronavirus. Der IL-6-Antagonist könne das Risiko senken, künstlich beatmet werden zu müssen und zu versterben. Eine unerwünschte, aber bekannte Wirkung von Tocilizumab seien Infektionen oder Virusreaktivierungen. Diese ließen sich aber im Allgemeinen kontrollieren.

Finanzierung: keine Angaben