Zurückgezogene „Corona-Studien“, eine überarbeitete Berliner Studie und eine Kardiologen-Klage


  • Dr. med. Thomas Kron
  • Aktuelles im Fokus
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Kernbotschaften

Die Autoren von zwei, in renommierten Fachblättern publizierten „Corona-Studien“ haben diese Publikationen zurückgezogen. Grund sind Zweifel an der Validität der Rohdaten, die das US-Unternehmen Surgisphere  geliefert hatte. An beiden Studien war der Geschäftsführer des Unternehmens beteiligt. Der Berliner Virologe Christian Drosten hat seine viel diskutierte Studie zur Viruslast bei Kindern und Erwachsenen überarbeitet. Seine Kernaussage bleibt bestehen. Viele Infarkt-Patienten kommen nach Angaben der Europäischen Kardiologen-Gesellschaft aus Angst vor COVID-19 zu spät ins Krankenhaus. Patienten, die sich vor oder direkt nach einer Operation mit SARS-CoV-2 infizieren, haben ein erhöhtes Sterberisiko.

Die beiden „Corona-Studien“

Bei der einen  Studie , die nun zurückgezogen wurde, ging es um den Nutzen von Hydroxychloroquin oder Chloroquin (mit oder ohne Makrolid). Erschienen war diese Studie im Fachmagazin „The Lancet“ .

Bei der anderen zurückgezogenen  Studie , die im „New England Journal of Medicine“  veröffentlicht wurde, untersuchten die Autoren das Mortalitätsrisiko von COVID-19-Patienten mit kardiovaskulären Erkrankungen, wobei auch der mögliche Einfluss von ACE-Hemmern und Sartanen auf den Verlauf der Infektionskrankheit analysiert wurde. 

Laut Professor Mandeep Mehra von der Harvard-Universität, Professor Frank Ruschitzka vom Universitätsklinikum Zürich und Professor Amit Patel von der Universität von Utah, die gemeinsam die Chloroquin-Studie verfasst hatten, haben sie sich für eine unabhängige Überprüfung der Lancet-Daten eingesetzt - dies sei jedoch von der Firma Surgisphere abgelehnt worden. „Auf Grundlage dieser Entwicklung könnten wir nicht länger für die Richtigkeit der Primärdaten bürgen", sagten sie. 

Die Autoren hatten, wie bereits berichtet, Register-Daten von 96000 COVID-19-Patienten ausgewertet. „Hydroxychloroquin und Chloroquin zeigen keinen Nutzen bei Patientinnen und Patienten, die mit COVID-19 hospitalisiert wurden“, kommentierte Studienautor Mandeep R. Mehra (Brigham and Women's Hospital in Boston). „Die Daten weisen auf ein erhöhtes Sterberisiko hin. Wir beobachteten auch eine Vervierfachung der Anzahl Herzrhythmusstörungen bei COVID-19-Patienten, die mit Hydroxychloroquin oder Chloroquin behandelt worden waren.“ 

Die im „New England Journal of Medicine“ publizierte Studie hatte ergeben, dass COVID-19-Patienten mit kardiovaskulären Erkrankungen eine erhöhte Klinik-Mortalität haben; zudem fanden die Autoren keine Belege für die zuvor geäußerte Vermutung, dass ACE-Hemmer und Sartane den Krankheitsverlauf negativ beeinträchtigten. 

Viruslast-Studie von Christian Drosten aktualisiert

Christian Drosten und seine Mitarbeiter haben nach einigen sachlichen Hinweisen von anderen Wissenschaftlern zu seiner Viruslast-Studie diese vorab veröffentlichte Untersuchung überarbeitet und die neue Fassung erneut auf dem Preprint-Server veröffentlicht. Drostens Hauptbotschaft bleibt weiterhin, dass nicht sicher genug auszuschließen sei, dass Kinder ähnlich infektiös sein könnten wie Erwachsene.  Zugleich weisen er und seine Mitautoren darauf hin, dass es sich auch in diesem Fall noch m eine Vorveröffentlicht auf einem Preprint-Server handelt, also nicht um einem Publikation in einem renommierten Journal nach einer Begutachtung durch andere Forscher (peer review). 

COVID-19 beeinträchtigt Versorgung von Infarkt-Patienten

Viele Patienten mit Herzinfarkt suchen offenbar aus Angst vor dem neuen Corona-Virus kein Krankenhaus auf. Laut einer umfassenden weltweiten Umfrage der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) ist die Zahl der Herzinfarkt-Patienten, die dringend im Krankenhaus behandelt werden müssen, während des COVID-19-Ausbruchs um mehr als 50 Prozent gesunken. Die Umfrage-Ergebnisse sind im ESC-Fachmagazin „EHJ–QCCO“ (European Heart Journal – Quality of Care and Clinical Outcomes)  erschienen.

An der ESC-Umfrage im April haben 3101 Angehörigen der Gesundheitsberufe in 141 Ländern teilgenommen. Die überwiegende Mehrheit der teilnehmenden Krankenhausärzte und Krankenschwestern habe den Autoren zufolge von einem Rückgang der Zahl der Patienten mit STEMI, die ins Krankenhaus kamen, berichtet. Im Vergleich zu vor der COVID-19-Krise sei die Zahl dieser STEMI-Patienten im Durchschnitt um 50 Prozent gesunken. Darüber hinaus hätten die meisten Befragten angegeben, dass fast die Hälfte der Patienten, die ein Krankenhaus aufgesucht hätten, später als gewöhnlich und jenseits des optimalen Zeitfensters für eine dringende Behandlung angekommen seien.

Infektion mit SARS-CoV-2 verschlechtert post-operative Prognose

Mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 infizierte Patienten, die operiert werden müssen, haben ein stark erhöhtes Risiko, postoperativ zu sterben, wie eine neue weltweit durchgeführte Studie zeigt, die im Fachjournal „The Lancet“ veröffentlicht wurde. Dazu untersuchten die Forscher Daten von 1128 Patienten aus 235 Krankenhäusern in 24 Länder. Diese repräsentieren vor allem die Situation in Europa, auch einige Krankenhäuser in Afrika, Asien und Nordamerika waren beteiligt. 

Nach Angeben der Autoren hatten SARS-CoV-2-infizierte Patienten eine Mortalität während der ersten 30 Tage nach der Operation von knapp 24 Prozent. Dabei war die Mortalität in allen Untergruppen unverhältnismäßig hoch. Dies betraf sowohl elektive chirurgische Eingriffe (18,9 Prozent), Notfalloperationen (25,6 Prozent), kleinere Operationen (16,3 Prozent) als auch größere chirurgische Eingriffe (26,9 Prozent).

In der Studie wurde weiterhin festgestellt, dass die Sterberate von Männern (28,4 Prozent) verglichen mit der von Frauen (18,2 Prozent) aber auch bei älteren Patienten über 70 Jahren (33,7 Prozent) gegenüber jüngeren Patienten (13,9 Prozent) stark erhöht war. Zu den Risikofaktoren für die postoperative Mortalität zählen ausser Alter und Geschlecht auch vorbestehende schwere Erkrankungen, wie etwa Krebs, große Eingriffe und Notfalloperationen.

Der Tübinger Mitautor der Studie, Prof. Dr. Alfred Königsrainer, Ärztlicher Direktor der Universitätsklinik für Allgemeine, Viszeral- und Transplantationschirurgie, kommentierte: „Normalerweise erwarten wir, dass die Sterberate von Patienten, die sich elektiven Operation unterziehen, unter einem Prozent liegt. Diese Studie zeigt nun aber, dass die Sterberate bei Patienten, die mit  SARS-CoV-2 infiziert sind, selbst bei Routineoperationen ganz wesentlich erhöht ist. Tatsächlich ist die Sterberate so stark erhöht, dass sie mit dem Mortalitätsrisiko von Hochrisiko-Patienten vor der Pandemie vergleichbar ist.“ Ob sich diese Zahlen auch auf deutsche Krankenhäuser übertragen lassen, soll aktuell mit zusätzlichen Daten vordringlich analysiert werden.