Zunahme der Demenz-Prävalenz möglicherweise größer als vermutet

  • Bundesgesundheitsblatt

  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften 

Der Anteil der Demenz-kranken Menschen in Deutschland könnte bald noch größer sein als bislang geschätzt. 

Hintergrund

Demenz-Erkrankungen zählen zu den häufigsten Erkrankungen bei alten Menschen. Eine Heilung der Patienten mit Alzheimer-Demenz, vaskulärer oder frontotemporaler Demenz ist nicht möglich. Die Behandlung ist rein symptomatisch. Die Versorgung der Betroffenen ist zum einen ökonomisch relevant. Zum anderen ist sie eine enorme Belastung für die versorgenden Personen. Dies gilt insbesondere für Angehörige, von denen die Mehrzahl der Demenz-Kranken betreut werden. Da es aufgrund des demografischen Wandels immer mehr ältere Menschen gibt, die zugleich immer älter werden, wird die Zahl der derzeit rund 1,7 Mio. Demenz-.Kranken wahrscheinlich weiter steigen. Exakte und zuverlässige Zahlen dazu sind ökonomisch und sozialpolitisch von enormer Bedeutung. Viele bisherige Studien zur Prognose der Demenz-Epidemiologie gehen im Wesentlichen von bestehenden demografischen Fakten aus. Bei solchen Berechnungen können aber außer demografischen Komponenten auch verschiedene krankheitsspezifische Komponenten berücksichtigt werden. Ein solches Rechenmodell haben die Autoren der vorliegenden Studie verwendet.

Design

Die Autoren berücksichtigten bei ihrem Rechenmodell außer demografischen Komponenten auch die krankheitsspezifischen Komponenten Prävalenz- und Inzidenzrate sowie Mortalitätsdifferenz (Differenz der Sterberate der Erkrankten zu derjenigen der Gesamtpopulation). Die krankheitsspezifischen Komponenten wurden hierbei aus Routinedaten der AOK Baden-Württemberg ermittelt.  

Hauptergebnisse

  • Die aktuellen Inzidenzraten führen den Autoren zufolge auch ohne jeglichen demografischen Einfluss bis 2060 bereits zu einer Steigerung der Gesamtprävalenz um 50 Prozent. Wird auch die zu erwartende demografische Entwicklung der deutschen Bevölkerung berücksichtigt, wird dieser Anstieg vermutlich nochmals 80 % höher ausfallen. 
  • Die Zahl der im Jahr 2015 ca. 1,5 Mio. Menschen mit Demenz würde sich mit einem Anstieg bis 2060 auf 3,3 Millionen mehr als verdoppeln. Durch die Berücksichtigung einer Kompression der Krankheitslast könnte sich dieser Wert allerdings auf bis zu 2,6 Millionen reduzieren. 

Klinische Bedeutung

Die Ergebnisse lassen nach Angaben der Autoren erwarten, „dass bereits in mittlerer Frist deutliche Ausgabensteigerungen auf die Kostenträger im Gesundheitswesen zukommen“. Zu beachten sind auch bei dieser Studie selbstverständlich so genannte Limitierungen. So werden, wie die Autoren erläutern, GKV-Routinedaten primär zu Abrechnungszwecken ermittelt, weshalb zusätzliche interne Validierungsverfahren notwendig seien. Die daraus resultierende Behandlungsprävalenz und -inzidenz könnten daher die tatsächliche Krankheitshäufigkeit unterschätzen. Die korrekte Dokumentation in den Routinedaten sei außerdem auch von den Patienten abhängig. Die früher zu beobachtende Zunahme der Diagnosen könnte demnach auch auf ein gestiegenes Krankheitsbewusstsein, eine erhöhte Relevanz des Krankheitsbilds bei der Begutachtung des Pflegegrades durch den MDK oder eine verbesserte Diagnostik der Ärzte zurückzuführen sein.

Finanzierung: keine Angaben.