Zu viel Cholesterin im Blut: gesunde Ernährung oft empfohlen, aber zu selten genutzt?

  • Dr. med. Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaften

Patienten mit abnormen Lipid-Werten sollen sich gesund ernähren und mehr bewegen. Sollte dies nicht rechen, um die Lipid-Spiegel zu senken, sind Lipidsenker indiziert. Wegen der vielen effizienten Optionen für eine intensive lipidsenkende Medikation würden Lebens- stilmaßnahmen zwar von behandelnden Ärzten empfohlen; ihre Umsetzung werde aufgrund des großen zeitlichen Aufwands meist nicht intensiv verfolgt, kritisiert Professor Dr. Stefan Lorkowski, Direktor des Instituts für Ernährungswissenschaften an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Außerdem würden zu selten Ernährungstherapeuten als Fachkräfte hinzugezogen, so Lorkowski, der auch Koordinator des Kompetenzclusters für Ernährung und kardiovaskuläre Gesundheit (nutriCARD) Halle-Jena-Leipzig ist. 

Gesunde Ernährung: modifizierte Vollkost

Basis der Ernährungstherapie bei Dyslipidämien ist, wie der Ernährungswissenschaftler erinnert, eine modifizierte Vollkost. Sie könne als vollwertige Ernährung als vegetarische Kost oder als mediterrane Kost umgesetzt werden und werde an individuelle Bedürfnisse der Patienten angepasst, etwa an Unverträglichkeiten, gastrointestinale Erkrankungen, besondere Anforderungen älterer oder geriatrischer Personen, erhöhter Nährstoffbedarf bei Schwangeren und Stillenden oder auch interkulturelle Bedürfnisse sowie an die Anforderungen des Erkrankungsbilds.

Wesentliche Aspekte der modifizierten Vollkost bei Hypercholesterinämie sind laut Stefan Lorkowski

  • Energiezufuhr: bedarfsgerecht, falls erforderlich Gewichtsnormalisierung
  • Proteinzufuhr: 0,8 g/kg Körpergewicht; bei älteren Menschen kann eine erhöhte Zufuhr notwendig sein. 
  • Fettzufuhr: entsprechend allg. Empfehlungen
    (30–35 % des EN = Energierichtwerts 
  • gesättigte Fettsäuren:Reduktion auf<7En% 
  • mehrfach ungesättigte Fettsäuren: Erhöhung auf allg. Empfehlungen, aber ≤ 10 En% (ausgewogener Anteil Omega-6- und Omega-3-Fettsäuren) 
  • einfach ungesättigte Fettsäuren: machen verbleibenden Fettanteil aus 
  • Transfettsäuren: < 1 En%
  • Kohlenhydrate: > 50 En%
  • Nahrungscholesterin: Reduktion auf<300mg/d 
  • Ballaststoffe: entsprechend allg. Empfehlungen
    oder etwas höher (30–40 g/d)
  • Alkohol: Verzicht sinnvoll

Wesentliche Aspekte der modifizierten Vollkost bei Hypertriglyzeridämie sind: 

  • Energiezufuhr: bedarfsgerecht, ggf. Gewichts-
    normalisierung 
  • Proteinzufuhr: entsprechend allg. Empfehlungen
    (0,8 g/kg Körpergewicht, ggf. erhöhte Zufuhr bei
    alten Menschen) 
  • Fettzufuhr: 30–35 En% 
  • gesättigte Fettsäuren: (< 10 En%
  • mehrfach ungesättigte Fettsäuren: Erhöhung auf
    allg. Empfehlungen, aber ≤ 10 En% (ausgewogener Anteil Omega-6- und Omega-3-Fettsäuren)
  • einfach ungesättigte Fettsäuren: machen verbleibenden Fettanteil aus Transfettsäuren: < 1 En%
  • Kohlenhydrate: verminderte Zufuhr auf <50 En%,
    Reduktion der Zufuhr von Mono- und Disacchariden sowie raffinierter Stärke 
  • Nahrungscholesterin: Reduktion auf <300mg/d 
  • Ballaststoffe: entsprechend allg. Empfehlungen
    oder etwas höher (30–40 g/d) 
  • Alkohol: möglichst Verzicht

Viele Patienten haben laut Lorkowski keine isolierte Hypercholesterinämie oder -triglyzeridämie. Bei gemischten Dyslipidämien würden die Anpassungen der Vollkost kombiniert. Die Anwesenheit weiterer kardiovaskulärer Risikofaktoren mache weitere Anpassungen an das Risikoprofil der Patienten notwendig (bspw. reduzierter Verzehr von Kochsalz bei arterieller Hypertonie). 

Reduktion des Körpergewichts: geringer Effekt auf das LDL-C

Eine Normalisierung des Körpergewichts ist nach Angaben von Lorkowski deswegen nützlich, weil die Reduktion des Körpergewichts mit einer Abnahme des LDL- Cholesterin-Wertes einhergeht. Der  Effekt sei allerdings relativ gering. Bei adipösen Menschen werde pro 10 kg Gewichtsverlust eine Abnahme des LDL-C-Wertes von etwa 8 mg/dl (0,2 mmol/l) beobachtet. Ein weiterer Pluspunkt für die Gewichtsreduktion ist, dass sie Insulinempfindlichkeit verbessert, wodurch die Triglyzerid-Werte abnähmen. Zudem erhöhe eine Gewichtsreduktion das HDL-Cholesterin für jedes Kilogramm weniger Körpergewicht um 0,4 mg/dl (0,01 mmol/l), wenn sich die Gewichtsreduktion stabilisiert habe. Bei Übergewichtigen verbessert eine Gewichtsreduktion, wie der Ernährungswissenschaftler weiter erklärt, zwar die Dyslipidämie sowie andere kardiovaskuläre Risikofaktoren; allerdings sei der Nutzen einer Gewichtsabnahme zur Reduktion der Sterblichkeit und kardiovaskulärer Ereignisse nicht eindeutig belegt. 

Erreicht werden sollte eine Gewichtsreduktion durch eine Kombination aus Ernährungsumstellung und mehr Bewegung, da so körperliche Leistungsfähigkeit und auch Lebensqualität verbessert werden und der Rückgang von Muskel- und Knochenmasse, insbesondere bei älteren Menschen, vermindert werde. 

Weniger Eier empfehlenswert?

Eine seit vielen Jahren in diesem Zusammenhang diskutierte Frage ist die, welche Rolle das Nahrungscholesterin spielt. Die Leitlinien sehen laut Lorkowski eine Begrenzung des Nahrungscholesterins auf < 300 mg/d vor. Die Auswirkungen des Nahrungscholesterins auf die Cholesterin-Werte seien individuell verschieden; im Mittel erhöh sich das Gesamtcholesterin um etwa 5,1 mg/dl (0,13 mmol/l) pro 200 mg zugeführtem Cholesterin.

Trotz des belegten Einflusses des Nahrungscholesterins auf das LDL-Cholesterin sei in mehreren  Metaanalysen kein Zusammenhang zwischen der Zufuhr von Cholesterin bzw. dem Verzehr cholesterinreicher Lebensmittel auf kardiovaskuläre Endpunkte festgestellt worden. Mehrere aktuelle Studien deuten dem Jenaer Wissenschaftler  zufolge jedoch darauf hin, dass eine Beschränkung der Cholesterin-Zufuhr mit der Nahrung sinnvoll ist. So seien zum Beispiel Nahrungscholesterin und Eierverzehr in US-amerikanischen Kohortenstudien mit 29615 Männern und Frauen dosisabhängig mit einem erhöhten Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse (HR 1,17) und Gesamtsterblichkeit (HR 1,18) assoziiert gewesen.

In einer italienischen Studie mit 20 562 gesunden Erwachsenen sei ebenfalls ein Zusammenhang zwischen Eierverzehr und Gesamtsterblichkeit, kardiovaskulären Erkrankungen und Krebs-Sterblichkeit beobachtet worden: So war bereits der Verzehr von 2–4 Eiern pro Woche mit erhöhter Gesamtsterblichkeit (HR 1,22) und kardiovaskulärer Sterblichkeit (HR 1,43) assoziiert gewesen. Für einen Verzehr von mehr als 4 Eiern pro Woche hätten die Berechnungen eine Risikozunahme um 50 Prozent (Gesamtsterblichkeit), 75 Prozent (kardiovaskuläre Sterblichkeit und 52 Prozent (Krebs-Sterblichkeit) ergeben.

Andere Studien hätten allerdings keine Assoziationen gefunden. Aktuell können laut Lorkowski keine konkreten Verzehrmengen für Cholesterin oder Eier abgeleitet werden. Insgesamt spreche die aktuelle Studienlage aber dafür, den Verzehr von Eiern und anderen cholesterinreichen Lebensmittel „konservativ zu bewerten und einen moderaten Verzehr zu empfehlen, um Gesundheitsrisiken auszuschließen“. Vor allem Patienten mit Hypercholesterinämie sollten Eier und andere cholesterinreiche Lebensmittel nur gelegentlich verzehren. 

Mehr Ballaststoffe, mehr Leben 

Ein weiterer, für den Fettstoffwechsel wichtiger Faktor ist die Zufuhr von Ballaststoffen (Richtwert mind. 30 g/d).  Eine erhöhte Ballaststoff-Zufuhr senke das LDL-Cholesterin (mittlere Differenz: 0,14 mmol/l) deutlich und das HDL-Cholesterin (mittlere Differenz: –0,03 mmol/l) leicht; die Triglyzerid-Werte würden durch Ballaststoffe nicht verändert. 

Ein wichtiger Grund für die Empfehlung einer hohen Ballaststoff-Zufuhr ist laut Lorkowski auch die Assoziation mit verminderter Letalität und Krankheitsinzidenz. So habe eine 2019 im „Lancet“ publizierte Studie eine 15–30-%ige Reduktion von Gesamtsterblichkeit und kardiovaskulärer Sterblichkeit sowie der Inzidenz koronarer Herzkrankheiten, der Schlaganfall-Inzidenz und -letalität, eines Diabetes mellitus Typ 2 und von Dickdarmkrebs zwi- schen höchstem und niedrigstem Ballaststoffverzehr ergeben. Die größte Risikoreduktion sei für viele Endpunkte bei einer Ballaststoff-Zufuhr von 25–29 g/d beobachtet worden. Weiterführende Analysen legten nahe, dass eine über aktuelle Empfehlungen hinausgehende Ballaststoffzufuhr noch größere gesundheitsfördernde Wirkungen haben könnte.

Raffinierte Stärke und Zucker 

Wie ein hoher Konsum raffinierter Stärke führe auch der übermäßige Verzehr von Lebensmitteln mit zugesetztem Zucker bzw. der Konsum zuckergesüßter Getränke zu einer Erhöhung der Triglyzeride, was mit einem erhöhten Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse und Letalität assoziiert sei. Daher wird eine Begrenzung der Aufnahme von zugesetztem Zucker auf ≤ 10 En% (zusätzlich zu der Menge, die in Lebensmitteln wie bspw. Obst und Milchprodukten natürlich vorkommt) empfohlen. Für Menschen mit Hypertriglyzeridämie, metabolischem Syndrom, Übergewicht oder Diabetes mellitus gälten noch restriktivere Empfehlung zur Zuckerzufuhr. 

Das Ziel: energiearm, aber mikronährstoffreich

Ein wesentliches Prinzip einer Ernährungsumstellung ist, wie der Ernährungswissenschaftler zusammenfassend erläutert,  anstelle ernährungsphysiologisch ungünstiger (= energiereicher und mikronährstoffarmer) Lebensmittel häufiger und mehr Lebensmittel mit  günstiger Zusammensetzung (energiearm und mikronährstoffreich) zu verzehren; nachfolgend ein paar einfache Beispiele: 

  • Fisch statt Fleisch und Wurst 
  • unverarbeitete Nüsse und Samen statt Süßigkeiten oder Knabbereien 
  • Obst und Rohkost statt Süßigkeiten und Knabbereien 
  • Gemüse und Blattsalate ohne üppige Soßen oder
  • Dressings statt frittierter, stärkereicher Kartoffelprodukte 
  • Vollkorn- statt Weißmehlprodukte 
  • ungesüßte Milchprodukte statt gesüßter Fertigprodukte 
  • frisches Obst, Nüsse/Samen und Getreideflocken
  • statt Fertigmüsli 
  • selbstzubereitete Mahlzeiten statt hochverarbeiteter Lebensmittel
  • Lebensmittel reich an ungesättigten Fettsäuren 

Ein wesentliches Prinzip der Ernährungsumstellung ist auch bei der Hypertriglyzeridämie außer der Gewichtsnormalisierung das Vermeiden von Lebensmitteln, die zugesetzten Zucker bzw. größere Mengen schnell verstoffwechselbarer Kohlenhydrate (bspw. raffinierte Stärke) enthalten. Insbesondere der Verzehr von folgenden Lebensmitteln sollte deutlich reduziert oder möglichst vermieden werden: 

  • Alkoholische Getränke
  • Haushaltszucker, Traubenzucker, Honig
  • gesüßte Milchprodukte (bspw. Fruchtjoghurt
  • oder -quark, Milchmischgetränke) 
  • gesüßte Getränke sowie gesüßte Obst- und Gemüsekonserven 
  • gesüßte Fertigmüslis und Frühstückscerealien 
  • Trockenfrüchte 
  • Marmeladen und andere süße Brotaufstriche
  • Ketchup, Cocktailsaucen usw. 
  • Süßspeisen, Süßigkeiten und gesüßte Knabbereien 
  • Stärkehaltige Lebensmittel: am besten Vollkornprodukte

Fazit des Ernährungswissenschaftlers: „Eine bedarfsgerechte, an das kardiovaskuläre Risikoprofil angepasste Ernährung ist - zusammen mit ausreichend körperlicher Aktivität - ein wesentliches Element der Prävention und Therapie von Fettstoffwechselstörungen.“ Eine Umstellung des Lebensstils sei jedoch dauerhaft notwendig. Bei dyslipidämischen Patienten mit erhöhtem kardiovaskulären Risiko könne eine Verbesserung des Lebensstils jedoch eine entsprechende lipidsenkende Medikation nicht ersetzen.