Zahlreiche psychiatrische Krankheiten sind mit Infektionen im Kindesalter assoziiert


  • Michael Simm
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Nach Infektionen, die einen Krankenhausaufenthalt erfordern, erhöht sich bei Kindern und Jugendlichen das Risiko für neuropsychiatrische Erkrankungen um 84 %, bei weniger schweren Infektionen um 40 %.

Hintergrund

Der Zusammenhang zwischen Infektionen und psychischen Erkrankungen wurde bislang nur punktuell erforscht. Einige wenige Länder verfügen jedoch über nahezu vollständige Register mit den medizinischen Daten der Bevölkerung, mit denen die Frage untersucht werden könnte, ob Infektionen in der Kindheit die Entwicklung neuropsychiatrischer Erkrankungen auslösen können.

Design

Bevölkerungs-basierte Kohortenstudie anhand der nationalen medizinischen und demographischen Register Dänemarks für 1.098.930 Individuen bis zu einem Alter von 18 Jahren, die in dem Land zwischen 1.1.1985 und 30.6.2012 geboren wurden. Erfasst wurden zeitabhängig alle behandelten Infektionen von Geburt an, einschließlich solche mit Krankenhauseinweisungen sowie weniger schwere Infektionen, die in der Primärversorgung mit Antiinfektiva behandelt wurden.

Hauptergebnisse

  • Nach einem Follow-Up von insgesamt 9.620.808 Personenjahren bis zum durchschnittlichen Alter von 9,76 Jahren waren 42.462 Kinder und Jugendliche mit psychiatrischen Erkrankungen diagnostiziert worden.
  • Nach Infektionen, die eine Hospitalisierung erforderten, betrug das Chancenverhältnis HR für solch eine Diagnose 1,84 (95%-Konfidenzintervall 1,69 – 1,99).
  • Stationär behandelte Infektionen waren auch mit einer höheren Wahrscheinlichkeit assoziiert, Verschreibungen für psychotrope Arzneien einzulösen (HR 1,42; 95%-KI 1,37 – 1,46).
  • Weniger schwere Infektionen, die mit Antiinfektiva behandelt wurden, gingen sowohl mit einem höheren Risiko für die Diagnose neuropsychiatrischer Erkrankungen einher (HR 1,40; 95%-KI 1,29 – 1,51), als auch mit einer höheren Wahrscheinlichkeit, ein Rezept für psychotrope Arzneien einzulösen (HR 1,22; 95%-KI 1,18 – 1,26).
  • Besonders stark erhöht war das Risiko, wenn Antibiotika zum Einsatz kamen. Es zeigten sich außerdem eine Dosis-Wirkungs-Beziehung und eine Zunahme des Risikos mit zeitlicher Nähe zur letzten Infektion.
  • Das höchste Risiko nach einer Infektion bestand für Diagnosen des schizophrenen Spektrums, für Zwangsstörungen, Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen, geistige Behinderungen, Autismus-Spektrum-Störungen, ADHS, oppositionelles Trotzverhalten und Tics.

Klinische Bedeutung

Die Autoren räumen ein, dass ihre Resultate eine Kausalität nicht beweisen können. Die Ergebnisse seien jedoch Beweise für eine Beteiligung von Infektionen und de Immunsystems an der Pathogenese einer großen Bandbreite psychischer Störungen von Kindern und Jugendlichen“.  Außer der naheliegenden und in manchen Tierversuchen auch bestätigten Erklärung, dass mikrobielle Infektionen die Entwicklung des Gehirns beeinträchtigen können, ist auch nicht auszuschließen, dass Antiinfektiva wie Antibiotika die beobachteten Effekte hervorrufen.

Finanzierung: Lundbeck Foundation und Independent Research Fund Denmark.