Zahl der vorzeitigen Todesfälle - ein Musterbeispiel einer „Unstatistik“


  • Dr. med. Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaften

Die TV-Berichterstattung über eine konkrete Zahl vorzeitiger Todesfälle durch Feinstaub ist nicht korrekt. Die Aussage, dass Feinstaub ebenso gefährlich sei wie Rauchen, ist wissenschaftlich nicht haltbar. Darauf weist die Statistik-Expertin Katharina Schüller in einem Gastbeitrag für die „Unstatistik des Monats“ hin.

Hintergrund

Der Einfluss von Stickoxiden und Feinstaub auf die Gesundheit wird derzeit besonders intensiv diskutiert. Rund 50.000 Menschen stürben vorzeitig Jahr für Jahr in Deutschland an den Emissionen der Landwirtschaft (insbesondere der Massentierhaltung), hätten Forscher vom Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz errechnet, so Katharina Schüler Geschäftsleiterin und Gründerin von STAT-UP, einem Spezialanbieter für Statistische Beratung und Data Science. Diese 50.000 Todesfälle seien mit einem Anteil von 45 Prozent der größte Teil der jährlich knapp 120.000 vorzeitigen Todesfälle durch Feinstaub – doppelt so viele wie bisher angenommen, meldete kürzlich die „Tagesschau“. Für die Redaktion der „Tagesschau“ sei damit klar, dass Feinstaub ebenso gefährlich sei wie Rauchen, heißt es nun in dem Beitrag von Schüller. 

Angaben beruhen nicht auf exakten Messungen

Doch das Konzept der „Anzahl vorzeitiger Todesfälle“ sei ein Musterbeispiel einer Unstatistik, schreibt Schüller. Zunächst sterbe in Deutschland kein einziger Mensch an Feinstaub, sondern an Erkrankungen, die durch Feinstaub (mit) verursacht sein könnten, es aber nicht sein müssten. Die Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts hätten in dieser Studie auch gar nicht untersucht, ob Feinstaub die Gesundheit von Menschen beeinflusse, sondern vorausgesetzt, dass dies der Fall sei und darüber hinaus sogar quantifiziert werden könne. Dabei handelt es sich laut der Statistik-Expertin aber nicht um gemessene Fakten, sondern um Modellergebnisse, die auf Annahmen beruhen und eine hohe Unsicherheit von mindestens +/- 50 Prozent aufweisen. 

Grund für die Unsicherheit

Der Grund dafür sei, dass man nicht wisse, wie viele Menschen vorzeitig gestorben seien, sondern nur, um wieviel Jahre weniger sie im Schnitt gelebt hätten. Man könne nur versuchen, die Zahl der vorzeitig Gestorbenen herzuleiten. Hierzu suche man eine Formel, die ein plausibles Ergebnis für den beobachteten Unterschied der Lebensdauer liefere. Diese Formel ist die „Attributable Fraktion“. Sie werde oft verwendet, sehe kompliziert aus und möge in manchen Situationen auch zu den Daten passen. Aber niemand wisse, ob sie tatsächlich stimme. Die Datenbasis solcher epidemiologischen Studien seien zusammenfassende Statistiken über Gruppen von Menschen, die zeigten, dass (manche, nicht alle) Gruppen mit hoher Feinstaub-Exposition im Durchschnitt kürzer gelebt hätten als (manche, nicht alle) Gruppen mit niedriger Exposition. Selbst wenn diese Gruppen in allen anderen Merkmalen identisch wären, so wie Zwillinge, gibt es immer noch verschiedene Möglichkeiten, wie der Unterschied zustande kommen kann.

Zahl vorzeitiger Feinstaub-Todesfälle nur scheinbar exakt

Stirbt jeder Mensch in der belasteten Gruppe um ein Jahr früher, so lebt die belastete Gruppe auch im Durchschnitt ein Jahr kürzer. Nehmen wir beispielsweise drei Zwillingspärchen: Zwillingspaar eins stirbt mit 79 bzw. 78 Jahren, Paar zwei mit 80 bzw. 79 Jahren und Paar drei mit 81 bzw. 80 Jahren. Drei Personen leben kürzer und im Durchschnitt lebt die belastete Gruppe ein Jahr kürzer. Nehmen wir nun alternativ an, dass die belasteten und unbelasteten Zwillinge der Paare eins und zwei exakt gleichlang leben. Nur Paar drei unterscheidet sich: Einer stirbt mit 81 Jahren, der andere mit 78. Dann gibt es nicht drei vorzeitige Todesfälle, sondern nur einen, aber im Durchschnitt lebt die belastete Gruppe ebenfalls ein Jahr kürzer. Bei Tausenden oder gar Millionen von Menschen steigt die Zahl möglicher Kombinationen massiv an. Deshalb ist zwar eine Aussage über die durchschnittliche Zahl verlorener Lebensjahre pro Person vernünftig, aber eine Aussage über die Zahl vorzeitiger Todesfälle durch Feinstaub ist es nicht. Denn letztere kann viel kleiner sein oder auch viel größer, als uns diese Unstatistik glauben macht. 

Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen.