Zahl bariatrischer Eingriffe steigt rasant - Adipositas-Zentren überfordert

  • Universitätsklinikum Freiburg

  • von Karl-Heinz Patzer
  • Medizinische Nachrichten
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Derzeit werden in Deutschland jährlich rund 15.000 Adipositas-chirurgische Verfahren durchgeführt. Die Zahl der bariatrischen Eingriffe dürfte in Zukunft weiter ansteigen, folgt man den Trendzahlen des Adipositas-Zentrums an der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie des Universitätsklinikums Freiburg. Seit seiner Gründung im Jahr 2007 hat sich die Zahl der Eingriffe von 25 auf über 250 im Jahr 2017 verzehnfacht. Wegen der obligatorischen lebenslangen Nachsorge führt die gegenwärtige Entwicklung die Adipostias-Zentren an ihre Kapazitätsgrenzen.

Hintergrund 

Bariatrische Eingriffe lassen sich grob in zwei Bereiche unterteilen: restriktive und malabsorptive Verfahren. Bei ersteren wird der Magen verkleinert (Schlauchmagen) oder umgangen (Magenbypass). Dadurch wird für die Patienten die Möglichkeit der Nahrungsaufnahme deutlich reduziert. Beim Magenbypass wird der Zwölffingerdarm umgangen, was schlagartig eine Reihe hormoneller Umstellungen im Körper nach sich zieht, wovon Diabetespatienten schon eine Woche nach der Operation profitieren können. Für sie kann diese Operation nach den neuesten Internationalen Leitlinien für Diabetestherapie ein wichtiger Therapiebaustein werden. Bei den selteneren malabsorptiven Verfahren wird die Aufnahmestrecke für die Nahrung im Dünndarm verringert. Gründe für den exponentiellen Anstieg bariatrischer Eingriffe liegen zum einen an der steigenden Zahl von Adipositas- und übergewichtigen Diabetespatienten und zum anderen an der mittlerweile hohen Akzeptanz der chirurgischen Methode. Prof. Goran Marjanovic, Ärztlicher Leiter des Freiburger Adipositas-Zentrums: „Für krankhaft übergewichtige Patienten kann eine Adipositas-Operation lebensrettend sein, Außerdem beendet sie eine oft jahrelange seelische Belastung.“ Bei Diabetespatienten könne eine Operation häufig dabei helfen, die Medikamente zu reduzieren oder sogar abzusetzen. Weil jedoch jeder Patient sein Leben lang in einem Spezialzentrum betreut werden muss, bringt die hohe Anzahl der Nachsorgepatienten die Adipositaszentren inzwischen an den Rand der Belastungsgrenze. Dieses Problem skizzieren die Freiburger Ärzte an Hand von Studienergebnissen in der Fachzeitschrift „Der Chirurg“ unter dem Titel „Der deutsche Schneeball-Effekt“.

Studiendesign

In einer retrospektiven Studie wurde die Entwicklung der ambulanten Patientenzahlen am universitären Adipositaszentrum Freiburg untersucht. Die Patientenbesuche wurden jährlich ausgewertet und in zwei Gruppen eingeteilt: Erstvorstellung und Wiedervorstellung. Auch die Anzahl der durchgeführten bariatrischen Operationen sowie deren Akzeptanz und Kostenübernahme durch die Krankenkassen wurden evaluiert.

Hauptergebnisse

Im Jahr 2007 wurden an der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie des Universitätsklinikums Freiburg insgesamt 318 Patienten gesehen. 156 waren Erstvorstellungen, 162 Wiedervorstellungen. Die Ablehnungsrate der Kostenübernahme durch die Krankenkassen betrug 16,8  Prozent. 2016 gab es 1691 Patientenvorstellungen, ein Plus von 532  Prozentpunkten. Hiervon waren 487 Erstvorstellungen (plus 312  Prozentpunkte) und 1204 Wiedervorstellungen (plus 743  Prozentpunkte. Die Ablehnungsrate seitens der Krankenkassen fiel auf 1,8  Prozent, während sich die Anzahl der Operationen von 25 auf über 250 mehr als verzehnfachte.

Klinische Bedeutung

Mit dem Erfolg der bariatrischen Methode stoßen die insgesamt 67 Adipositaszentren in Deutschland an ihre Kapazitätsgrenzen. Insbesondere die wachsende Zahl der Nachsorge macht den Kliniken schwer zu schaffen, weil diese für alle operierten Patienten lebenslang an einem Adipositas-Zentrum gewährleistet sein muss. Das Studienresumée der Freiburger Chirurgen: Mit der steigenden Akzeptanz der bariatrischen Therapie muss sich eine vergleichsweise kleine Zahl an spezialisierten Zentren mit der exponentiell steigenden Nachsorgefrequenz auseinandersetzen. In Anbetracht des Ausmaßes der Adipositasepidemie stellt insbesondere eine adäquate Nachsorge ein sozioökonomisches Problem dar, welches nur im interdisziplinären Setting unter struktureller Integration in das komplexe Gesundheitssystem gelöst werden kann. Dazu Prof. Goran Marjanovic: „Wir müssen die Nachsorge auf mehrere Schultern im Gesundheitswesen verteilen. Dabei ist eine spezifische Ausbildung ambulant tätiger Ärzte unumgänglich.“