Worte wie Medizin – so geht therapeutische Kommunikation

  • Ute Eppinger

  • Dr. med. Thomas Kron
  • Aktuelles by Medscape
Der Zugang zum gesamten Inhalt dieser Seite ist nur Angehörigen medizinischer Fachkreise vorbehalten. Der Zugang zum gesamten Inhalt dieser Seite ist nur Angehörigen medizinischer Fachkreise vorbehalten.

Ärzte haben mit ihrer Kommunikation und der Gestaltung der Arzt-Patienten-Beziehung wesentlichen Anteil am Heilungsprozess ihrer Patienten – aber auch an der Entstehung von Nebenwirkungen. „Als wir 2012 einen Übersichtsartikel zu ‚Nocebo-Phänomenen in der Medizin‘ veröffentlichten, verhielten sich Publikationen zum Thema ‚Nocebo‘ im Vergleich zu ‚Placebo‘ noch wie 1:1.000, unter Ärzten war das Thema noch weitgehend unbekannt“, berichtet Prof. Dr. Ernil Hansen, Anästhesist am Uniklinikum Regensburg und Hypnoseforscher.

Das hat sich geändert: „Heute kennt jeder Arzt ‚Nocebo-Effekte‘, und die meisten sind sensibilisiert, weil mit zunehmender Nocebo-Forschung die verursachten Beeinträchtigungen der Patienten und der Therapie ins Bewusstsein geraten sind“. Hansen beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Wirkung von Hypnose, hat eine Ausbildung in Hypnose und ist im wissenschaftlichen Beirat der Milton-Erickson-Gesellschaft für klinische Hypnose e.V. (MEG). Mit Nocebo-Effekten beschäftigt er sich seit 2010.

Medizinische Risikoaufklärung ist die Hauptquelle für Nocebo-Effekte

Die medizinische Risikoaufklärung ist eine Hauptquelle für Nocebo-Effekte und Negativ-Suggestionen. Dass Nocebo-Effekte durch die Risikoaufklärung weit verbreitet und schwerwiegend sind, konnten Hansen und Kollegen 2015 zeigen. „Es geht nicht um die Frage, ‚ob‘, sondern ‚wie‘ wir aufklären. Inzwischen gibt es eine Reihe von Vorschlägen, wie die Risikoaufklärung auch ohne Verschweigen, Lügen oder Schönreden weniger traumatisierend durchgeführt werden kann, allerdings nur wenige Untersuchungen, die eine Wirksamkeit solcher Maßnahmen auch objektiv belegen, berichtet Hansen.

Nocebo-Effekte treten auch nicht nur im Zusammenhang mit Medikamenten auf – wie eine Arbeit aus 2019 zeigt. Ermittelt wurde, welche Auswirkungen verschiedene Formulierungen auf die maximale Armmuskel-Kraft von Probanden hatten. In der experimentellen Studie konnte gezeigt werden, dass eine durch die Aufzählung von Risiken verursachte Schwächung der Muskelkraft verhindert werden konnte, wenn gleichzeitig positive Aspekte wie der Nutzen der angebotenen Therapie genannt wurden.

Vorsicht vor dem gut gemeinten „keine Angst“

Wichtig ist also, positive Formulierungen zu wählen. Also: „90% der Patienten vertragen das Medikament gut“ statt „Bei 10% tritt eine Nebenwirkung auf“. Eine große Umstellung? „Hat man erst einmal die Gefahr und Nachteile von Nocebo-Effekten und ihre Verbreitung erkannt, fällt es mit zunehmender Übung leichter, sie zu vermeiden und ein Gegengewicht zu negativen Erwartungen aufzubauen. Die Situation der Risikoaufklärung und auch die anzusprechenden Risiken kehren immer wieder, so dass sich die grundsätzliche Auseinandersetzung damit wirklich lohnt“, berichtet Hansen. Der beste Schutz vor Aufklärungsschäden und auch der beste Schutz für den Arzt vor einer Klage bei einem Schaden seien der Aufbau einer vertrauensvollen therapeutischen Beziehung, betont er. „Kontraproduktiv ist die Delegation der Aufgabe an die jüngsten, unerfahrenen Mitarbeiter, auch weil das Aufklärungsgespräch die Visitenkarte einer Abteilung sein kann und den Patienten oft lange in Erinnerung bleibt.“

Negationen – wie „Sie müssen keine Angst haben“ – wirken nicht, sagt Hansen und erklärt: „Es bleiben die starken Worte wie ‚Angst‘ in Erinnerung – daran vermögen auch eine Verneinung oder eine Verkleinerung (‚weniger Schmerz‘) nichts zu ändern. Das ist wie die Aufforderung, jetzt nicht an einen grünen Elefanten zu denken. Stattdessen lassen sich immer positive Ausdrucksformen finden, wie ‚Sie können zuversichtlich sein, dass …‘.“

Auswirkung von therapeutischer Kommunikation wird unterschätzt

„Placebo-Effekte sind heute nicht mehr lästige Begleiterscheinungen von Medikamenten-Zulassungsstudien, sondern wichtige Begleiter jeder medizinischen Therapie. Auf sie zu verzichten, kommt einem Therapiefehler gleich, wie eine Fehldosierung, weil z.B. nur die halbe Wirksamkeit erreicht wird“, erklärt Hansen. Noch immer werde die Auswirkung der Kommunikation zwischen Arzt und Patient unterschätzt, bestätigt er. „Doch Studien zeigen zunehmend, dass ein Medikament, ja selbst Operationen, ohne Ankündigung nur einen Teil der Wirkung entfalten können.“ Studien weisen auch daraufhin, dass ein erheblicher Teil der Nebenwirkungen von Medikamenten und Operationen nicht von den Maßnahmen selbst, sondern von der Kommunikation darüber stammt.

Im Medizinstudium kommt langsam an, wie wichtig Kommunikation ist. „Ich z.B. sehe seit 10 Jahren meine Aufgabe und heute meine Hauptaufgabe darin, Studenten, junge Ärzte und Pflegekräfte in therapeutischer Kommunikation zu unterrichten.“ Inzwischen wurde „Kommunikation“ in den Nationalen Kompetenz-orientierten Lernzielkatalog Medizin (NKLM) für das Medizinstudium aufgenommen.

Hohe Empfänglichkeit von Kindern für Suggestionen positiv nutzen

Kinder sind auch im Hinblick auf die Kommunikation ganz besondere Patienten: „Kinder haben weniger Schutzmaßnahmen und -strategien gegen die verbreiteten Negativeinflüsse in der Medizin entwickelt und reagieren stärker auf Suggestionen, wobei Einflüsse und Ängste der Eltern noch dazu kommen. Deshalb ist bei ihnen besondere Achtsamkeit angesagt“, erklärt Hansen. Die hohe Empfänglichkeit für Suggestionen von Kindern kann positiv genutzt werden. So kann man ihre Fähigkeit zur Dissoziation nutzen, sich aus einer beängstigenden medizinischen Situation an einen inneren Wohlfühlort zurückzuziehen.

Medizinische Geräte und Handlungen können kindgerecht und in positiven Aussagen erklärt werden, ohne das Informationsbedürfnis des Kindes zu übergehen oder zu lügen. Hilfsmittel wie aufklärende Bilderbücher, Handpuppen oder einfache Zaubertricks stehen heute vermehrt zur Verfügung. „Sie werden auch genutzt bis hin zu Hospital-Clowns, vor allem in Kinderarztpraxen oder Kinderkrankenhäusern, und sie sind noch ausbaufähig in Situationen, in denen Kinder mit den Erwachsenen ‚mitlaufen‘“, berichtet Hansen.

Patienten unter Narkose – auch im OP kommt´s auf die Wortwahl an

Patienten in einer Extremsituation wie einem medizinischen Notfall oder vor einer Operation sind für Suggestionen empfänglich. In diesem Trance-ähnlichen Zustand können negative Suggestionen Angst und Schmerzen verstärken, positive Suggestionen hingegen können zum Wohl der Patienten eingesetzt werden.

Wie empfänglich Patienten auch unter Narkose für positive Suggestionen sind, zeigt eine multizentrische Studie im BMJ . Hansen und Kollegen konnten an 385 Patienten nachweisen, dass eine Tonaufnahme mit positiven, unterstützenden Worten – abgespielt während tiefer Narkose – das Schmerzniveau und den Schmerzmittelbedarf (typischerweise Opioide) nach einer Operation deutlich senken kann. „Tatsächlich scheint das Unbewusstsein nicht nur in hypnotischer oder natürlicher Trance, sondern auch bei Bewusstlosen besonders gut durch Worte und Suggestionen erreichbar zu sein, evtl. weil der kritische Verstand umgangen wird“, sagt Hansen. „Diese Ergebnisse lassen sich nicht durch die Reaktion weniger, sondern nur eines beträchtlichen Teils der Patienten erklären, so dass grundsätzlich das Verhalten im Operationssaal in Richtung geringerer Geräuschkulisse und Vermeidung negativer Gespräche verändert werden sollte“, sagt der Forscher. Außerdem stehe damit eine einfache und sichere Methode ohne Kosten und Nebenwirkungen zur Verfügung, um auf nicht-medikamentösem Weg unangenehme Folgen von Operation und Anästhesie sowie den Medikamentenbedarf zu verringern.

Die Wirksamkeit von Suggestionen durch Hypnose im Zusammenhang mit medizinischen Eingriffen ist wissenschaftlich belegt. „So lassen sich zahlreiche psychologische Beeinträchtigungen, wie Angst, und körperliche, wie auch Übelkeit und Erbrechen – die übrigens auch durch unsere Suggestionen in Narkose verringert waren – günstig beeinflussen“, berichtet Hansen. All diese Befunde wiesen auf die große Bedeutung von Kommunikation und Beziehung bei medizinischen Behandlungen hin.

 

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf Medscape.de.