Wissenschaftler fordern ein Moratorium zur Nutzung der geneditierenden CRISPR-Technologie


  • Dr. Carola Krause
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaft 

18 Wissenschaftler aus sieben Ländern fordern ein weltweit geltendes Moratorium für die Nutzung der geneditierenden CRISPR-Technologie. Hierzu ist ein internationales Rahmenwerk explizit für die Nutzung zur Keimbahntherapie vorgeschlagen. Dieser Aufruf wird zudem vom Leiter des US-Nationalen Gesundheitsinstituts (National Institute of Health – NIH) Dr. Francis Collins unterstützt. 

Die CRISPR-Technologie 

CRISPR steht für Cluster mit kurzen, palindromischen Wiederholungen in regelmäßigen Abständen (Clustered Regularly Interspaced Short Palindromic Repeats – CRISPR) und wird genauer als CRISPR/Cas9-System bezeichnet, welches im Erbgut vieler Bakterien auftreten.

Das CRISPR/Cas9-System verschafft normalerweise den Bakterien eine Resistenz gegen das Eindringen fremden Erbguts von Viren oder Plasmiden. 

Forscher haben sich dieses System zu eigen gemacht und nutzen dies als Grundlage für die CRISPR-Technologie zur Erzeugung gentechnisch veränderter Organismen. So geht man heutzutage davon aus, dass man mutationsbasierte Erkrankungen mit der Hilfe der CRISPR-Technologie direkt im Genom editieren kann. Anfang dieses Jahrzehnts erfunden, wurde diese Art der Genbearbeitung mit weniger Off-Target-Bearbeitungen präziser. Einige klinische Versuche mit menschlichen Patienten sind für therapeutische Zwecke im Gange, sie schließen jedoch Keimbahnzelletherapien aus.

Konsenserklärung der Wissenschaftler 2015

Weltweit wird die Diskussion über die Keimbahntherapie seit Langem geführt. Unter Wissenschaftlern und Ethikern war man sich einig, dass die CRISPR-Technologie viele wünschenswerte Anwendungen haben kann, solange die modifizierten Zellen nicht zur Etablierung einer Schwangerschaft verwendet würden. So gab es bereits bei einem Spitzenforschertreffen 2015 in Washington eine Konsenserklärung, die beinahe zu einem Moratorium aufrief. Der Konsens bestand darin, dass niemand Gene auf eine Weise bearbeiten sollte, die zu einem dauerhaften Merkmal der menschlichen Spezies werden könnte, es sei denn, man ist sich einig, dass eine solche Modifikation sicher, notwendig und ethisch sei.

Erste Keimbahnzellenveränderungen am Menschen

Die Unantastbarkeit der Keimbahnzellenveränderung wurde nun offensichtlich durch den chinesischen Biophysiker He Jiankui gebrochen. He Jiankui sagte, er habe in einem Experiment die Gene eins Zwillingspaars so verändert, dass die Babys resistent gegen eine Infektion mit HIV sein. Er sagte, er wisse, dass er Kritik erhalten würde, verteidige seine Experimente als ethische Form der Gentherapie und nicht als etwas, das kosmetischen genetischen Veränderungen gleichkommt.​​​​​​​

Forderungen der Wissenschaftler und des NIH 2019

Nach den jüngsten Ereignissen haben sich 18 Wissenschaftler aus sieben Ländern zusammengeschlossen um ein weltweites Moratorium der CRISPR-Technologie anzuregen, da beim aktuellen Forschungsstand nicht von einer sicheren Nutzung der Technik zur Keimbahntherapie auszugehen ist. Dementsprechend konzentriert sich das Moratorium speziell auf Experimente mit Keimbahnzellen, die zu einer Schwangerschaft führen sollen. 

Zu den Autoren der Veröffentlichung in der Fachzeitschrift Nature zählen zwei der wichtigsten Erfinder des CRISPR-Systems, Feng Zhang vom Broad Institute of MIT und Harvard und Emmanuelle Charpentier von der Max-Plack-Gesellschaft fuer Pathogenwissenschaften in Berlin.

Neben dem Moratorium, fordern die Wissenschaftler die Schaffung eines internationalen Gremiums, das die Anwendung der CRISPR-Technologie überwacht.  Dieser „internationale Rahmen“ sollte von einer Koordinationsstelle unterstützt werden, die entweder voellig unabhängig sein kann, oder Teil der Weltgesundheitsorganisation ist.

Francis Collins, Direktor des NIH, gab hierzu eine separate Erklärung ab, in der er die Forderung nach einem Moratorium und einem Regierungsorgan unterstützte. In einem Interview mit der Washington Post machte er deutlich, dass dies auch die Position der US-Regierung sein. ​​​​​​​

Findung eines gesellschaftlichen Konsenses 

Die Autoren sehen die freiwillige Einhaltung – zum Beispiel zunächst über fünf Jahre – einzelner Staaten vor, die die Souveränität über ihre wissenschaftlichen Unternehmen behalten sollen. 

Somit soll Raum für die gesellschaftliche Entscheidung für oder gegen die Keimbahntherapie geschaffen werden. So könne jeweils in Abhängigkeit von der eigenen Geschichte, Kultur, den Wertvorstellungen und auch dem politischen System ein gesellschaftlicher Konsens gefunden werden.