Wie sicher sind Praxen für Patienten?

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 „Es muss möglich sein, mutig, offen und ehrlich über Fehler und Probleme zu sprechen“, fordert Dr. Ruth Hecker. Die Vorsitzende des Aktionsbündnisses Patientensicherheit (APS) hält die Sicherheitskultur im deutschen Gesundheitswesen für deutlich „ausbaufähig“. Im Interview beschreibt sie die größten Umsetzungsdefizite.

Univadis: Patientensicherheit bedeutet auch Behandelndensicherheit. Wie meinen Sie das?

Hecker: Die Mitarbeitersicherheit ist in den letzten Jahren, gerade im Zuge der Pandemie, als besonders relevant für die Stabilität ganzer Gesundheitssysteme erkannt worden. Die Mitarbeitenden sind das höchste Gut einer jeden Gesundheitseinrichtung. Neben ihrer physischen Sicherheit kommt der psychischen Sicherheit eine wachsende Bedeutung zu. Phänomene wie die Second-Victim-Traumatisierung oder moralische Verletzungen zwingen zunehmend das Pflegepersonal beispielsweise zur Berufsaufgabe.

Univadis: Was sind die Folgen für die Patientinnen und Patienten?

Hecker: Zum Beispiel signifikant erhöhte Raten an Infektionen oder Dekubitalulcera, aber auch Fehler bei der Medikamentenversorgung oder sogenannte „failure to rescue“. Phänomene, die auch unter normalen Arbeitsbedingungen auftreten.

Univadis: Was verbirgt sich hinter „failure to rescue“?

Hecker: „Failure to rescue“ beschreibt den Anteil der Patienten, die nach einer schwerwiegenden, aber prinzipiell behandelbaren Komplikation während des Krankenhausaufenthalts verstorben sind. Für einzelne Betroffene erscheinen sie zunächst als schicksalhaftes und zufälliges Ereignis. Erst in der Häufung der Fälle über das bei guter Versorgung erwartbare Niveau hinaus werden Probleme deutlich.

Univadis: Der globale Aktionsplan für Patientensicherheit beinhaltet sieben strategische Handlungsfelder und 35 konkrete Ziele, die bis 2030 erreicht werden sollen. Wo bestehen in Deutschland derzeit die größten Umsetzungsdefizite?

Hecker: Insgesamt ist die Sicherheitskultur hierzulande deutlich ausbaufähig. Es muss möglich sein, mutig, offen und ehrlich über Fehler und Probleme zu sprechen. Wir investieren zum Beispiel zu wenig in Vorhaltekosten. Dabei geht es nicht nur um Sachkosten, sondern auch um Personalkosten für „Reserve“-Personal. Ich bin mir nicht sicher, welche Vorhaltekosten im Koalitionsvertrag der Ampelregierung gemeint sind. Es ist außerdem erforderlich, Patientensicherheit in der beruflichen Aus-, Fort-, und Weiterbildung zu verankern. Ein weiteres Problem ist, dass wir viel zu wenig zu dem Thema forschen. Auch sind die Systeme zur Überwachung der Patientensicherheit erweiterungsfähig.

Univadis: Das ist eine anspruchsvolle Agenda.

Hecker: Das stimmt. Dreh- und Angelpunkt ist allerdings: Wir wissen gar nicht wirklich, ob wir 2030 besser oder schlechter geworden sind, weil wir keine Parameter für Patientensicherheit in Zahlen messen.

Univadis: Woran fehlt es konkret?

Hecker: Es erfolgen bislang keine direkten Angaben über das, was bei den Patientinnen und Patienten ankommt. Wenn wir das wissen wollen, müssen wir sie fragen: Das sind Patientenbefragungen auf der Basis von PROMs (Patient Reported Outcome Measures) und PREMs (Patient Experience Outcome Measures). Wir schlagen außerdem vor, sogenannte SEVer-Events (schwerwiegende Ereignisse, die wir sicher verhindern wollen) zu messen. Diese Events haben wir erstmalig für Deutschland definiert. Sie könnten als Indikatoren verwendet werden.

Univadis: Was ist denn mit den Fehlermeldesystemen?

Hecker: Diese werden nicht umfassend genutzt oder deren Ergebnisse nicht ausgewertet. Unerwünschte Ereignisse sind nur unzureichend erfasst. Damit fehlt eine Möglichkeit, Systemmängel zu objektivieren und Verbesserungen abzuleiten. Es gibt zwar Bemühungen, die aber bei Weitem nicht ausreichend sind.

Univadis: Könnten Sie das konkreter beschreiben?

Hecker: Ein Beispiel: In Deutschland basieren Auswertungen von Fehlermeldungen aus der Praxis auf nur wenigen hundert Ereignisberichten. Im britischen Gesundheitssystem verzeichnen die Hausarztpraxen hingegen jährlich knapp 8000 Fehler, aus denen dann Rückschlüsse gezogen werden. Großbritannien macht Patientensicherheit transparent. Dabei stellen auch hierzulande Studien zufolge vermeidbare Patientengefährdungen und Schäden ein relevantes Problem der Gesundheitsversorgung dar. Nach ausführlicher Sichtung der Studienlage kam Prof. Matthias Schrappe bereits 2018 zu dem Ergebnis, dass hochgerechnet bei zwei bis vier Prozent aller Krankenhausfälle vermeidbare unerwünschte Ereignisse eintreten. Dabei sind allerdings Diagnosefehler, „errors of omission“ und Übertherapie noch nicht einbezogen. Die tatsächliche Zahl der betroffenen Patienten dürfte also noch über diesem Wert liegen. Es gibt aber noch weitere Verzerrungen.

Univadis: Nämlich?

Hecker: Da die Krankenhäuser besser untersucht sind als die Praxen, erscheinen die Probleme dort deutlicher. Einzelne Analysen zeigen jedoch, dass Sicherheitsprobleme auch in anderen Bereichen mindestens ebenso häufig und gravierend für die Behandelten sein können. Deshalb ist es notwendig, auch den ambulanten Sektor und die Langzeitpflege einzubeziehen. In Zeiten, in denen die informierte Entscheidung, die Verbreitung evidenzbasierter Gesundheitsinformationen sowie digitale Angebote rasant zunehmen, sollte es selbstverständlich sein, auch mangelnde Kommunikation und Koordination zwischen einzelnen Versorgungsangeboten oder auch Lücken des regionalen Versorgungsangebots mit zu berücksichtigen.

Univadis: Sie fordern einen Wandel des Gesundheitswesens von einem Hochrisikobereich zu einer Hochzuverlässigkeitsbranche. Wird dieser Anspruch in der Grundausbildung der Gesundheitsfachberufe gelebt?

Hecker: Patientensicherheit kommt in der Grundausbildung der Gesundheitsfachberufe so gut wie gar nicht vor. Das APS hat deshalb den Lernzielkatalog neu aufgelegt. Er soll dabei unterstützen, das Thema in bestehende Curricula zu implementieren. Ursachen von kritischen Ereignissen und Patientenschäden werden darin ebenso behandelt wie die Digitalisierung. Die angestrebten Lernergebnisse sind so formuliert, dass es leichter wird, die Kompetenzen zu überprüfen. Diese Orientierung an Überprüfbarkeit bewirkt Haltungsveränderungen. Somit schaffen wir einen echten Kulturwandel.

Univadis: Das heißt, in die neuen Approbationsordnungen wird zukünftig Patientensicherheit als Pflichtlehre aufgenommen?

Hecker: Das hoffe ich. Es versteht sich aber von selbst, dass diese Bereicherung der Curricula auch für alle anderen Gesundheitsberufe gelten muss. Patientensicherheit ist erlernbar und eine Schnittstellenaufgabe.