Wie gesund sind alternative Ernährungsformen für Kinder?


  • Susanne Kressenstein
  • Medizinische Nachrichten
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Eine fleischlose Ernährung oder sogar eine Kost ohne jegliche tierische Produkte liegen im Trend. Der typische Vertreter hierzulande ist weiblich, jung, gebildet, lebt in Städten und pflegt insgesamt einen gesunden Lebensstil. Viele sich vegetarisch oder vegan ernährende Eltern wünschen eine entsprechende Kost auch für ihre Kinder. Doch eignen sich diese Ernährungsformen auch für Heranwachsende? Im Folgenden erklärt Prof. Dr. Mathilde Kersting, Leiterin des Forschungsdepartment Kinderernährung der Universitätskinderklinik Bochum zusammen mit pädiatrischen Kollegen auf welche kritischen Nährstoffe Ärzte bei der Beratung achten sollten.

Prinzipiell spricht nichts dagegen, die durch Fleisch wegfallenden Nährstoffe durch den Verzehr anderer Lebensmittel auszugleichen. „Das Risiko einer Mangelversorgung ist jedoch umso größer, je einseitiger die Ernährung und je jünger das Kind ist“, so Kersting. Der Verzicht auf Fleisch verringert die Zufuhr von gut verfügbarem Eisen und Zink und auch von Vitamin B12. Dies kann insbesondere für Kinder, die bereits unter einer Mischkost ein erhöhtes Risiko für Eisenmangel aufweisen zum Problem werden. Das betrifft vor allem Säuglinge nach dem Abstillen, Kleinkinder und Mädchen, die schon ihre Regelblutung haben. Eine Ernährungsberatung bezüglich vegetarischer Kost erfordert deswegen eine sorgfältige individuelle Anamnese. Stichwortartige Angaben der Eltern reichen nicht aus und erlauben keine sicheren Schlüsse bezüglich der Ernährung im Einzelfall. Eine individuelle Ernährungsanamnese sollte deswegen gegebenenfalls mit einer Labordiagnostik unterstützt werden. Eventuell empfiehlt sich eine spezielle Supplementation von Nährstoffen. Bei einer Ernährung ohne Fleisch sollten auf jeden Fall viele Vollkornprodukte auf dem Speiseplan stehen. Um die Aufnahme vom dem darin enthaltenen weniger leicht verfügbaren Eisen zu erleichtern, sollten dann Vitamin-C-reiche Zutaten beigemengt werden, so Kersting.

Ein generelles Problem ist, dass sich Vegetarier sehr unterschiedlich ernähren. Dadurch wird die Abschätzung der gesundheitlichen Aspekte erschwert. Zudem besteht eine große Diskrepanz hinsichtlich vieler gesundheitsrelevanter Merkmale zwischen Vegetariern und der Durchschnittsbevölkerung, was den Vergleich einer Ernährung mit und ohne Fleisch erschwert. Letztendlich erlaubt aber die derzeitige Studienlage keine validen Rückschlüsse auf die heutige Ernährungspraxis und den Gesundheitsstatus bei vegetarisch ernährten Kindern in Deutschland. Zudem fehlen überzeugende Argumente für gesundheitliche Vorteile vegetarischer Kostformen gegenüber den bewährten Standards.

Völlig anders bewertet Kersting jedoch eine rein vegane Ernährung ohne Eier und Milchprodukte. Die Ernährungswissenschaftlerin sieht hier ebenso wie die Deutsche Gesellschaft für Ernährung ein hohes Risiko für einen ausgeprägten Nährstoffmangel. Besonders gravierend sei die Unterversorgung mit Vitamin B12, warnt Kersting. Daher sollten nicht nur Säuglinge, sondern Kinder und Jugendliche aller Altersgruppen sowie Schwangere und Stillende ihre vegane Kost mit Vitamin B12-Präparaten ergänzen. Auch der Bedarf an Vitamin D werde bei einer rein veganen Ernährung häufig nicht gedeckt. Gerade in Wachstumsphasen, in denen Knochensubstanz aufgebaut wird, muss deswegen auch Vitamin D supplementiert werden.

Ein besonderes medizinisches Problem stellt die unzureichende Versorgung von gestillten Säuglingen veganer Mütter mit Vitamin B12 dar. Zahlreiche Fallberichte auch aus Deutschland beschreiben bei gestillten Säuglingen sich vegan ernährender Mütter ausgeprägte Mangelzustände an Vitamin B12 mit Anämie und zusätzlich teilweise irreversiblen neurologischen Störungen. Von einer rein pflanzlichen veganen Ernährung wird deswegen im gesamten Wachstumsalter abgeraten.

Generell gilt: Kostformen, die dauerhaft eine differenzierte Substitution von Nährstoffen einfordern, sind im Hinblick auf die bekanntermaßen ungenügende Therapieadhärenz in der Umsetzung eher kritisch zu sehen. Auf jeden Fall ist aber bei veganer Ernährung von Kindern und Jugendlichen eine Beratung und Begleitung der Familie in Kooperation von Kinder- und Jugendarzt und Ernährungsfachkräften notwendig. Eine gute Compliance ist hier zwingend erforderlich.