Wie angeblich fast jede zweite gesunde Frau zu einer scheinbar krebskranken Frau würde

  • RWI - Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung e.V.

  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaften 

Den Heidelberger Bluttest auf Brustkrebs als Flop zu bezeichnen, wäre sicher mehr als nur eine zarte Untertreibung. Bekanntlich interessieren sich inzwischen auch Staatsanwälte für diesen Test. Dessen mögliches Nutzen-Risiko-Verhältnis sei ohnehin viel geringer als primär behauptet, melden nun die Wissenschaftler der sogenannten „Unstatistik des Monats“. Würde ein solcher Test zum Brustkrebs-Screening eingeführt werden, erhielte knapp die Hälfte aller gesunden Frauen in Deutschland einen auf Brustkrebs verdächtigen Befund, so die Wissenschaftler um Professor Gerd Gigerenzer (Berlin).

Falsch-positiv-Rate nicht kommuniziert

Der Heidelberger Bluttests für Brustkrebs wurde, wie berichtet, im Februar dieses Jahres in einer Pressemitteilung des Universitätsklinikums Heidelberg als „Meilenstein in der Brustkrebsdiagnostik“ gepriesen und auf der Titelseite der „Bild“ als „Weltsensation aus Deutschland“ gefeiert. In beiden Fällen wurde die Sensation mit einer Trefferrate von 75 Prozent begründet und davon gesprochen, dass der Test marktfähig sei. Bereits im Februar dieses Jahres hatten die Wissenschaftler um Gerd Gigerenzer darauf hingewiesen, dass die Trefferrate allein nichts über die Zuverlässigkeit eines Tests aussagt. Man müsse immer zugleich die Falsch-Alarm-Rate (Falsch-positiv-Rate) kennen. Diese sei jedoch nicht kommuniziert worden. Das Mammographie-Screening habe beispielsweise eine Trefferrate von etwa 80 Prozent bei einer Falsch-Alarm-Rate von 5 bis 10 Prozent, je nach Alter der Frau. 

Heidelberger Bluttest: Falsch-Alarm-Rate angeblich 46 Prozent

Inzwischen sei es ihnen gelungen, Information über die Falsch-Alarm-Rate des Bluttests zu finden, behaupten die Wissenschaftler um Gigerenzer weiter.  Es lägen ihnen Folien eines Vortrags „Liquid Biopsy in der gynäkologischen Onkologie“ von Professor Christof Sohn vor, der den Bluttest vorgestellt hatte. Dort sei die Falsch-Alarm-Rate angegeben. Über alle getesteten Frauen hinweg habe sie 46 Prozent betragen.

Mannheimer Staatsanwaltschaft ermittelt

Der Test und die ungewöhnliche Kommunikation der Heidelberger Wissenschaftler hatte bekanntlich erhebliche Kritik von anderen Wissenschaftlern und medizinischen Fachgesellschaften hervorgerufen. Mit Blick auf mögliche strafrechtliche Tatbestände ermittelt seit einer Zeit sogar die Staatsanwaltschaft für Wirtschaftskriminalität in Mannheim. Und um die komplexen Vorgänge rund um den Bluttest und die vorzeitige Veröffentlichung umfassend aufzuklären und daraus Konsequenzen zu ziehen, haben laut einer Mitteilung der Universität der Aufsichtsrat und der Vorstand des Universitätsklinikums, die Medizinische Fakultät und die Universitätsleitung verschiedene Kommissionen eingerichtet und Maßnahmen ergriffen. 

Nicht einmal ein Prototyp existent?

Von dem Test soll es zum Zeitpunkt der „Erfolgsmeldungen“ übrigens noch nicht einmal einen Prototypen gegeben haben, meldete vor wenigen Tagen die „Süddeutsche Zeitung“ unter Verweis auf eine ihr vorliegende Stellungnahme des mit einer Prüfung beauftragten Tumorbiologen Magnus von Knebel Doeberitz. „Daher muss klar festgehalten werden, dass es das in der Pressemitteilung erwähnte Verfahren bisher nicht gibt", heißt es laut der „Süddeutschen Zeitung“ in der Stellungnahme von Knebel Doeberitz an den Dekan; es gebe noch nicht einmal einen Prototypen. „Somit können auch keinerlei Angaben zum diagnostischen Wert des avisierten, aber noch nicht vorhandenen Produktes gemacht werden."

Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen.