WHO verdreifacht Schätzungen zur Mortalität durch COVID-19

  • Michael Simm
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Die direkten und indirekten Folgen der COVID-19-Pandemie haben in den Jahren 2020 und 2021 zu annähernd 15 Millionen zusätzlichen Todesfällen geführt, berichtet eine Forschergruppe um den WHO-Mitarbeiter William Msemburi. Diese, auf der Übersterblichkeit basierende, Modellrechnung übertriff die Zahl der an die WHO gemeldeten Todesfälle durch COVID-19 fast um das Dreifache.

Hintergrund

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat das Mandat, Statistiken zur Mortalität zusammenzustellen und zu verteilen. Beim Versuch, weltweit Statistiken zur COVID-19-Pandemie zu erheben, sahen sich die Experten allerdings mit einer Vielzahl unterschiedlicher Praktiken und Regeln zum Testen und Diagnostizieren der Infektionen bzw. der Krankheit konfrontiert. Zudem gibt es keine allgemein anerkannten Regeln, inwiefern etwaige „Kollateralschäden“ COVID-19 zugerechnet werden sollten.

Design

Angesichts der unterschiedlichen Zählweisen COVID-19-assoziierter Todesfälle sei die Übersterblichkeit während der Pandemie ein besseres Maß für die Auswirkungen der Krise, schreiben die Forscher. Allerdings gebe es auch hier für viele Länder keine verlässlichen Schätzungen, weil die Daten nur unvollständig sind und/oder erst mit langer Verzögerung berichtet werden. Man habe deshalb einen „Modell-basierten Rahmen“ genutzt und versucht, Daten-Lücken in einem Konsultationsprozess mit Ländervertretern zu schließen, mit dem Ziel, monatliche Schätzungen der Übersterblichkeit für den Zeitraum vom 1.1.2020 bis 31.12.2021 zu gewinnen.

Ergebnisse

  • Monatliche Daten auf nationaler Ebene gab es nur für 100 Länder, das sind 52 % WHO-Mitgliedsstaaten. In Europa waren diese Daten für fast alle (96 %) Länder verfügbar, in Amerika für 66 %, in Südostasien aber nur für 18 % und in Afrika für 13 % der Länder. Für die anderen wurden die Zahlen mit einem „Poisson count model framework“ geschätzt.
  • Trotz aller Unwägbarkeiten wird die Zahl der überzähligen, mit COVID-19 assoziierten, Toten für die beiden Berichtsjahre mit 14,83 Millionen angegeben - bei einem 95%-Konfidenzintervall von 13,23 – 16,58.
  • Die neue Schätzung ist annähernd 3-mal so hoch (Faktor 2,74) wie die 5,42 Millionen Todesfälle, die im gleichen Zeitraum offiziell an die WHO gemeldet wurden.
  • Das Verhältnis aus errechneter und erwarteter Sterblichkeit (P-Wert) deutet auf einen Zunahme der weltweiten Mortalität von 7,97 % (95%-KI 6,96 – 9,03) im Jahr 2020, und von 18,30 % (95%-KI 15,99 – 21,15) im Jahr 2021 infolge der Pandemie.
  • Die globale Übersterblichkeitsrate / Kopf wurde für 2020 auf 0,06 % geschätzt, und für 2021 auf 0,13 %. Dies ist höher als bei den Influenza-Pandemien von 1957, 1968 und 2009 (0,04; 0,03; 0,005 %), aber zugleich eine Größenordnung unter der Rate der Influenza-Pandemie von 1918 (1,0 %).

Klinische Bedeutung

Die neue Schätzung bestätigt bereits publizierte Daten, wonach weltweit fast alle Länder in den ersten beiden Jahren der COVID-19-Pandemie eine erhebliche Übersterblichkeit verzeichneten. Zwar wurde ein großer Aufwand betrieben, um Datenlücken zu kompensieren, dennoch beeinträchtigt die schlechte Qualität des „Inputs“ die Genauigkeit der drauf basierenden Schätzungen.

Finanzierung: Keine Angaben.