Wer Verschwörungstheorien mag, mag angeblich auch Globuli & Co.


  • Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaften

Verschwörungsmentalität stärkt die Neigung zur alternativmedizinischen Verfahren. Ursprung der Verschwörungsmentalität ist das Misstrauen gegen Machtstrukturen. Dieses beeinflusst demnach die Wahl medizinischer Verfahren. 

Hintergrund

Westliche Industrieländer verfügen über ein hoch entwickeltes Gesundheitssystem und eine leistungsfähige medizinische Versorgung. Trotzdem wenden sich viele Menschen, gerade auch in Deutschland, komplementären und alternativen Methoden zu, selbst wenn davor ausdrücklich gewarnt wird. Aktuellen Daten zufolge haben 26 Prozent der Europäer im Laufe von 12 Monaten zumindest einmal zu komplementären oder alternativen Mitteln gegriffen, wobei homöopathische und naturheilkundliche Medikamente am beliebtesten sind.

Eine „Verschwörungsmentalität“ gilt als ein stabiles Persönlichkeitsmerkmal. Diese Menschen mit einer starken Tendenz, an Verschwörungstheorien zu glauben, denken, dass die Welt von verborgenen Mächten beherrscht wird, vermutlich weil sie selbst eine gewisse Machtlosigkeit empfinden. Auffallend ist nicht erst neuerdings, sondern schon seit längerer Zeit, dass besonders viele Verschwörungstheorien im Gesundheitsbereich kursieren, zum Beispiel über das Impfen. Zu den „Klassikern der Verschwörungstheorien“ in der Medizin zählen etwa die, dass die Pharmaindustrie wirksame Therapien gegen Krebs oder Diabetes unter Verschluss halte, um an den Kranken mehr verdienen zu können, oder dass das Aids-Virus vom US-Geheimdienst entwickelt worden sei, um Homosexuelle und Amerikaner afrikanischer Herkunft auszurotten. 

Design

Pia Lamberty und Prof. Dr. Roland Imhoff vom Psychologischen Institut der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) haben vor diesem Hintergrund mehrere Untersuchungen durchgeführt, um den Zusammenhang zwischen Verschwörungsmentalität und der Bevorzugung alternativer Heilmethoden zu ermitteln. Sie befragten ihre Probanden – 392 Studienteilnehmer in Deutschland und 204 in den USA – über die Nutzung von insgesamt 37 verschiedenen Verfahren von Aromatherapie und Bachblüten über Hypnose und Yoga bis zu Antibiotika und Bluttransfusion. Die Teilnehmer sollten beispielsweise angeben, wie häufig sie die jeweilige Therapie nutzen und wie effektiv sie ihrer Meinung nach ist. 

Hauptergebnisse

„Wir haben einen eindeutigen Zusammenhang gefunden“, sagt Pia Lamberty von der JGU . „Je stärker die Verschwörungsmentalität einer Person ausgeprägt ist, desto mehr befürwortet diese Person alternative Verfahren und umso mehr lehnt sie konventionelle Heilmethoden wie Impfungen oder Antibiotika ab.“ Besonders „betroffen“ davon sei die Bevölkerung in Deutschland. Lamberty: „In Deutschland fanden wir einen eindeutigen, unglaublich starken Zusammenhang zwischen Verschwörungsmentalität und Befürwortung alternativer Methoden.“ In den USA bestehe ebenfalls eine Korrelation, allerdings nicht so stark ausgeprägt.

Zwei weitere Studien untermauerten den Befund und zeigten zudem, dass die psychologische Brücke zwischen einer Verschwörungsmentalität als einer politischen Haltung und der Bevorzugung von Alternativmedizin in einem Misstrauen gegenüber Macht begründet liegt.  „Alles, was mit Macht in Verbindung gebracht wird, wie zum Beispiel die Pharmaindustrie, wird von Verschwörungstheoretikern sehr skeptisch beurteilt“, erklärt Lamberty in einer Mitteilung der Universität Mainz. In einer der Studien sollten die Teilnehmer über die Zulassung eines fiktiven pflanzlichen Medikaments gegen Ängste, Gastritis und leichte Depressionen entscheiden. Personen mit stark ausgeprägter Verschwörungsmentalität bewerteten das Medikament HTP 530 als positiver und wirksamer, wenn es von einer als machtlos geltenden Patientengruppe entwickelt wurde als von einem Pharmakonsortium.

Klinische Bedeutung

Nach Angaben von Pia Lamberty und Roland Imhoff haben ihre Befunde eine große Bedeutung für das Gesundheitswesen. Denn offenbar beeinflusse ein generalisiertes Misstrauen gegenüber Machtstrukturen die medizinischen Entscheidungen. „Das individuelle Verständnis einer Erkrankung und die Wahl der Behandlung kann also mehr von ideologiegeprägten Persönlichkeitsmerkmalen abhängen als von rationalen Überlegungen.“ Dies sollte bei der medizinischen Prävention und bei Interventionsprogrammen im Gesundheitswesen berücksichtigt werden. Darüber hinaus ermöglichen die Befunde laut Lamberty und Imhoff, die Einstellung von Menschen zu alternativmedizinischen Verfahren vorherzusagen bzw. einzuschätzen.

Die beiden Psychologen betonen aber auch, dass für die Interpretation der Studienergebnisse nicht der Umkehrschluss gilt. Nicht jeder, der zu alternativen Heilmitteln greife, glaube auch an Verschwörungstheorien. 

Außerdem: Ernst nehmen sollte man Verschwörungstheorien nicht nur, weil sie sehr schädlich sein können. Ernst nehmen sollte man sie auch, weil sie sich im Laufe der Zeit als richtig erweisen können. 

Finanzierung

Pia Lamberty hat ein Promotionsstipendium erhalten und befasst sich derzeit im Rahmen ihrer Dissertation mit der Rolle von Verschwörungstheorien für Radikalisierungsprozesse. Lamberty arbeitet dazu für ein Jahr in Israel an der Ben-Gurion-Universität des Negev, unterstützt durch ein Minerva-Fellowship.