Wer Herzgefäß-Erkrankungen vorbeugen will, muss schon schon bei Kleinkindern auf’s Gewicht achten


  • Thomas Kron
  • Studien – kurz & knapp
Der Zugang zum gesamten Inhalt dieser Seite ist nur Angehörigen medizinischer Fachkreise vorbehalten. Der Zugang zum gesamten Inhalt dieser Seite ist nur Angehörigen medizinischer Fachkreise vorbehalten.

Kernbotschaften

Noch bevor ein Kind in die Schule geht, wird der Grundstein für Übergewicht und Adipositas gelegt. Fast 90 Prozent der Kinder, die im Alter von drei Jahren übergewichtig waren, waren es auch als Jugendliche. Am stärksten war die Gewichtszunahme im Alter von zwei bis sechs Jahren. Außer dieser Dynamik der Gewichtsentwicklung spielen auch Geburtsgewicht und Gewicht der Mutter eine wichtig Rolle. Die Schlussfolgerung: Wehret den Anfängen!

Hintergrund

„Unsere Kinder: Die Zukunft ist fett.“ So lautete vor zwei Jahren die Überschrift eines Editorials im Bundesgesundheitsblatt. Hintergrund war, dass viele der Adipositas-Präventionsprogramme erfolglos oder nur mäßig erfolgreich waren, wobei die beiden Autorinnen des Editorials - Professor Iris Pigeot (Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie - BIPS) und Professor Ulla Walter (Institut für Epidemiologie, Sozialmedizin und Gesundheitssystemforschung, MH Hannover) - die Ursache dafür in der Beschränkung der Programme auf Verhaltensänderung sahen. Notwendig für eine erfolgreiche Adipositas-Prävention sei aber auch eine Änderung der „obesogenen“, also dickmachenden Umwelt, betonten die beiden Wissenschaftlerinnen.  

Wie dringend notwendig Adipositas-Prävention ist, haben Ärzte, Gesundheitspolitiker und Organisationen wie die WHO schon mehrfach erwähnt. Laut der Genfer Organisation waren zum Beispiel 2014 weltweit 39 Prozent aller Erwachsenen übergewichtig, 13 Prozent adipös. Rund 42 Millionen Kinder im Alter von unter fünf Jahren seien 2013 übergewichtig oder adipös gewesen. Recht gut belegt ist inzwischen auch, dass bereits Jugendliche, die adipös sind, ein   erhöhtes Risiko haben, Bluthochdruck, kardiovaskuläre Krankheiten, Typ-2-Diabetes und eine nicht-alkoholische Fettlebererkrankung zu entwickeln. Unklar war bislang der BMI-Verlauf von der Geburt bis zum Jugendalter. Hierfür haben Leipziger Wissenschaftler eine Längsschnittuntersuchung durchgeführt. 

Design

In der retro- und prospektiven Untersuchung analysierten die Wissenschaftler um Studienleiterin Professor Antje Körner (Universität Leipzig) die Daten zum Gewichtsverlauf von 51.505 Kindern aus dem CrescNet Register im Alter von 0 und 18 Jahren.

Hauptergebnisse

In ihrer statistischen Analyse konnten die Forscher feststellen, dass in den ersten zwei Lebensjahren die Chancen für Kinder, die adipös waren, später zu einem Normalgewicht zurückzukehren, bei 50:50 stehen. Waren die Kinder schon drei Jahre alt, waren es nur noch knapp zehn Prozent – das bedeutet: Rund 90 Prozent dieser Kinder waren auch als Jugendliche übergewichtig oder adipös. „Wir konnten mit unseren Daten zeigen, dass das Gewicht von Jugendlichen mit Übergewicht und Adipositas am stärksten zwischen zwei und sechs Jahren zugenommen hat“, so Antje Körner. Auch danach stieg der BMI weiter stetig an.

Ermittelt wurde auch der Einfluss von Geburtsgewicht und Gewicht der Mutter auf das Adipositasrisiko der Kinder. So hatte fast die Hälfte der Babys, die zur Geburt sehr groß und schwer waren, einen höheren BMI in ihrer Kindheit und Jugend. Demgegenüber entwickelten weniger als 30 Prozent der Kinder mit normalem oder niedrigem Geburtsgewicht Übergewicht oder Adipositas im Jugendalter. Kinder von Müttern mit Übergewicht hatten ein deutlich höheres Risiko für Übergewicht als Kinder von Müttern, die normalgewichtig waren.

Klinische Bedeutung

Die Studie bestätigt frühere Studien, nach denen aus dicken Kindern und Jugendlichen nicht selten dicke Erwachsene werden. So zeigt die Längsschnittstudie: Die Wahrscheinlichkeit, dass kleine Kinder mit Adipositas im Laufe der Jahre normalgewichtig werden, liegt bei weniger als 20 Prozent. 

Eine Schlussfolgerung lautet daher, dass mit der Adipositas-Prävention schon sehr früh begonnen werden sollte. Das lässt sich zum Beispiel auch aus einer 2014 publizierten US-Studie mit den Daten von fast 8000 Kindern ableiten („New England Journal of Medicine“). Danach sind Kinder, die bereits bei Aufnahme in einen Kindergarten übergewichtig sind, besonders gefährdet, innerhalb von wenigen Jahren adipös zu werden.

„Natürlich ist die Prävalenz, das heißt die Häufigkeit, von Übergewicht bei Erwachsenen noch höher, und nicht jeder übergewichtige Erwachsene war ein übergewichtiges Kind“, kommentiert Antje Körner die Ergebnisse ihrer Studie. Wenn jedoch Übergewicht bereits im (frühen) Kindesalter einsetze, bleibe es zuallermeist bestehen - mit allen Konsequenzen beispielsweise für die Entwicklung von Folgeerkrankungen bereits im Jugend- oder jungen Erwachsenenalter. Körner weiter: "Eine übermäßige Gewichtszunahme bei Kindern unter sechs Jahren kann ein frühes Anzeichen für spätere Adipositas sein. Wachstum und Gewicht müssen von Kinderärzten, Erziehern und Eltern schon früh genau beobachtet werden, um Kinder mit erhöhtem Risiko zu erkennen.“

Finanzierung: Die Studie wurde durch den DFG-Sonderforschungsbereich „Mechanismen der Adipositas“ (SFB 1052), durch das Integrierte Forschungs- und Behandlungszentrum AdipositasErkrankungen (IFB) sowie durch das Leipziger Forschungszentrum für Zivilisationserkrankungen (LIFE Child) unterstützt.