Weniger Obduktionen, mehr unerkannte therapierelevante Fehldiagnosen


  • Dr. Nicola Siegmund-Schultze
  • Studien – kurz & knapp
Der Zugang zum gesamten Inhalt dieser Seite ist nur Angehörigen medizinischer Fachkreise vorbehalten. Der Zugang zum gesamten Inhalt dieser Seite ist nur Angehörigen medizinischer Fachkreise vorbehalten.

Kernbotschaften

Medizinische prä- und post-mortem-Befunde weichen zu 8-10 % in Form von schwerwiegenden, therapierelevanten Fehldiagnosen  voneinander ab. Es gibt Hinweise darauf, dass mit zunehmender Obduktionsrate der Anteil schwerwiegender Fehldiagnosen sinkt, auch in Deutschland. Im Sinne der Qualitätssicherung wären mehr und besser standardisierte Autopsien erforderlich.

Hintergrund
Die Autopsie rate ist in den letzten Jahren in vielen Ländern gesunken. Die Gründe sind einer Publikation im Deutschen Ärzteblatt zu Folge vielfältig: die medizinische Ausbildung, die Haltung der Kliniker zur Obduktion, finanzielle Gründe, die Kommunikation mit den Familien, aber teilweise auch eine Zurückhaltung gegenüber der Obduktion bei den Pathologen selbst (1) . Wissenschaftler der Universitätsklinik Leipzig haben mögliche Effekte von Autopsien auf die Qualitätssicherung untersucht.

Design

  • selektive Recherche in der deutschen und internationalen wissenschaftlichen Literatur zur Häufigkeit von Obduktionen, von Diskrepanzen zwischen Prä- und Post-mortem-Diagnosen und mögliche Folgen für die Qualität der Behandlung des Patienten
  • Klassifizierung von Fehldiagnosen nach Goldman-Kriterien:
    • Klasse-1-Irrtum: Fehldiagnose mit möglichem Einfluss auf das Überleben und wahrscheinlich notwendiger Änderung der Therapie
    • Klasse-2-Irrtum: Fehldiagnose ohne potenziellen Einfluss auf das Überleben oder Änderung der Therapie
    • Klasse-3-und -4-Irrtümer: Übersehene, weniger wichtige Diagnosen

Hauptergebnisse

Die Obduktionsrate ist in den letzten Jahren auch in Deutschland kontinuierlich gesunken und wird derzeit auf 4 % aller Verstorbenen geschätzt. An deutschen Universitätskliniken liegt die Rate der Autopsien um 5 % höher als in nicht-universitären Krankenhäusern. Die Prävalenz von Fehldiagnosen wird auf Basis einer großen Metaanalyse von 5 863 Obduktionen auf 28 % geschätzt, davon zwischen 8 und 10 % Klasse-1-Irrtümer. In einer Studie der Universitätsklinik Leipzig an einem Krankenhaus der Regelversorgung ergab sich, dass mit einer Zunahme der Obduktionsrate von 3 auf 26 % die Rate der prognose- und therapierelevanten Klasse-1-Irrtümer von 18,8 % auf 11,6 % gesenkt werden konnte. Bei 4 592 Obduktionen, die im Zeitraum zwischen 2000 und 2009 an der Universitätsklinik Leipzig erfolgten, wurden 263 maligne Tumoren entdeckt, die zu Lebzeiten nicht erkannt worden waren (bei 5,7 % der Autopsierten). 23 % der zu Lebzeiten nicht erkannten Malignome waren todesursächlich.

Klinische Bedeutung

Diskrepanzen zwischen prä- und post-mortem-Diagnosen sind vergleichsweise häufig und sollten dokumentiert und im längeren zeitlichen Verlauf innerhalb einer bestimmten Region und an den einzelnen Krankenhäusern verglichen werden. Obduktionen gelten bei Klinikern und Pathologen weiterhin als notwendig, obwohl vergleichsweise wenige Daten eine Verbesserung der Versorgungsqualität durch Autopsien direkt belegen. Die Rate der Obduktionen lässt sich möglicherweise auch mit einer besseren Standardisierung der Durchführung und Berichterstattung über die Autopsiebefunde erhöhen, wie sie in den kürzlich publizierten S1-Leitlinien festgehalten sind (2).

Finanzierung: keine Angaben