Weltgesundheitsorganisation: HIV ist unabhängiger Risikofaktor für schwere COVID-19-Erkrankungen

  • Dr. Nicola Siegmund-Schultze
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Das Risiko für schwere COVID-19-Infektionen und die COVID-19-Sterblichkeit sind bei Menschen mit HIV erhöht. Das belegt eine Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) mit Daten aus 38 Ländern, darunter Deutschland. Die WHO rät Menschen, die mit HIV leben, sich gegen SARS-CoV-2 impfen zu lassen und betont die besondere Notwendigkeit, Komorbiditäten gut zu kontrollieren.

Hintergrund
Bereits seit Beginn der SARS-CoV-2-Pandemie werden Daten erhoben, die das Risiko durch COVID-19 für Menschen mit HIV evaluieren sollen. Der Grund: Virale Infektionen der Lunge wie Influenza verlaufen bei HIV-infizierten Personen häufiger schwer als bei Nicht-Infizierten (zit. n. [1]). So ist die Mortalität durch Influenza bei Menschen, die HIV-infiziert sind, bis zu 20 Mal höher als bei Nicht-HIV-Infizierten. Zu einer potenziellen Assoziation zwischen einer HIV-Infektion und schweren COVID-19-Verläufen gibt es widersprüchliche Daten, auch Metaanalysen haben keine Klarheit schaffen können. Nun liegen Studienergebnisse aus einem WHO-Register vor (2).

Design

  • Studienbasis: WHO Global Clinical Platform on COVID-19, eine Web-basierte Plattform mit anonymisierten individuellen Daten zum klinischen Verlauf von COVID-19 bei Menschen, die wegen COVID-19 (i. A. laborgesichert) stationär behandelt wurden.
  • Teilnehmende Länder: 38 Länder, die meisten in Afrika, aber auch die USA, Mexiko, Kanada, und europäische Länder wie die Schweiz, Frankreich und Deutschland.
  • Teilnehmende Patienten: 197479, darunter 16955 (8,6 %) mit HIV, 180524 waren HIV-negativ.
  • Analysezeitraum: Januar 2020 bis Juli 2021

Hauptergebnisse

  • 38 % der HIV-infizierten COVID-Erkrankten hatten einen schweren COVID-19-Verlauf und 23 % dieser Gruppe starben im Krankenhaus (3.913/16.955).
  • Verglichen mit stationär behandelten COVID-19-Patienten ohne HIV-Infektion war das Risiko für eine schwer verlaufende COVID-19-Erkrankung bei HIV-Infizierten um 15 % erhöht. Dabei wurden ergebnisrelevante Variablen wie Alter, Geschlecht, Vorerkrankungen oder Raucherstatus, aber auch die Art der COVID-19-Therapie (Kortikosteroide, Antikoagulanzien) mit berücksichtigt (adjustierte Hazard Ratio [aHR]: 1,15).
  • Das Sterblichkeitsrisiko war bei Menschen mit HIV um 38 % erhöht (aHR: 1,38).
  • Chronische Erkrankungen wie Hypertonie, koronare Herzkrankheit oder Diabetes erhöhten das Risiko für die Sterblichkeit im Krankenhaus bei HIV-Infizierten, ebenso eine vergleichsweise hohe HI-Viruslast.
  • Dennoch blieb auch bei Berücksichtigung der antiretroviralen HIV-Therapie und der Viruslast die HIV-Infektion ein unabhängiger Risikofaktor für einen ungünstigen Verlauf von COVID-19.

Klinische Bedeutung
Die WHO hat aus diesen Daten den Schluss gezogen, HIV-infizierte Menschen noch stärker in den Fokus von SARS-CoV-2-Impfprogrammen zu rücken.

Das WHO-Forscherteam geht davon aus, dass es einen pathophysiologischen Zusammenhang zwischen einer HIV-Infektion und dem höheren Risiko für schwere Verläufe von COVID-19 gibt. Zum einen begünstige eine T-Helfer-Zell-Zytopenie opportunistische Infektionen. Zum anderen bestehe bei vielen HIV-Infizierten eine chronische, subklinische Entzündung, die schwere und fulminante COVID-19-Verläufe begünstigen könne.

In einem Kommentar wird darauf hingewiesen, wie wichtig eine gute therapeutische Kontrolle von Komorbiditäten bei HIV-Infizierten sei, besonders auch während der SARS-CoV-2-Pandemie (1).

Finanzierung: öffentliche Mittel.