Weiterhin ein Problem: Psychopharmaka-Verordnungen in Pflegeheimen ohne nachvollziehbare Indikation

  • Rechtsmedizin

  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Zentral wirksame Medikamente werden in Alten- und Pflegeheimen einer Studie von Rechtsmedizinern zufolge offenbar nicht allein aus medizinischen Gründen gegeben. Die Studie ergab mehrere Hinweise auf eine Nutzung von Psychopharmaka als „freiheitsentziehende Maßnahme“ (FEM). Bei einem erheblichen Anteil der nachgewiesenen Hypnotika/Sedativa und Antipsychotika habe es keine nachvollziehbare ärztliche Indikation für deren z. T. auch kombinierte Verordnung gegeben, berichten die Rechtsmedizinerin PD Dr. Sabine Gleich von der LMU-München und ihre Kollegen.

Hintergrund

Die meisten Pflegeheim-Bewohner haben mehrere chronische Erkrankungen und oft auch Demenz-Symptome. Der Betreuungsaufwand  dieser Menschen ist erheblich, die Belastung für das Personal daher groß; verstärkt wird das Problem außerdem durch einen Mangel an qualifizierten Pflegekräften. Eine mögliche Folge ist, dass Gewalt gegen die alten Menschen, etwa freiheitsentziehende Maßnahmen. Hierzu könnten mechanische Fixierungen oder ruhigstellende Medikamente eingesetzt werden. Eine Diskussion „über die Nutzung von Psychopharmaka als „pflegeerleichternde“ bzw. freiheitsentziehende Maßnahme in stationären Pflegeeinrichtungen besteht nach Angaben der Autoren seit Jahren. Eine 2013–2014 durchgeführte Erhebung der Münchner Heimaufsicht sei zu der abschließenden Beurteilung gekommen, dass die Gabe vom Psychopharmaka zum Alltag in der Pflege zähle und strukturelle Defizite der Ein- richtungen dadurch ausgeglichen werden sollten. Weitere Studien bestätigten diese Einschätzung. Eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe um Sabine Gleich (Institut für Rechtsmedizin, LMU München) ist nun in einer Studie der Frage nachgegangen, ob bzw. welche Hinweise es auf eine Nutzung von Psychopharmaka als FEM gibt. 

Design

In die Studie aufgenommen wurden 98 in Alten-/Pflegeheimen gestorbene Bewohner ohne Verdacht auf eine Medikamentenüberdosierung, die 2013–2015 im Institut für Rechtsmedizin der Universität München obduziert wurden. Ausgewertet wurden die makromorphologischen Befunde,  staatsanwaltschaftliche Akten und Labor- Befunde. Knapp zwei Drittel der 98 Altenheim-Bewohner waren Frauen, das mittlere Alter betrug 84 Jahre (Minimum 19 Jahre, Maximum 99 Jahre, Median 84 Jahre). Die meisten hatten mehrere Erkrankungen, am häufigsten ZNS-Erkrankungen (75 Fälle) und psychische Erkrankungen (19 Fälle). 

Hauptergebnisse

  • Bei 53 der 98 gestorben Alten- bzw. Pflegeheim-Bewohner gab es aktuelle Medikationspläne, bei 37 bestanden Abweichungen vom Medikationsplan.
  • Bei 15 Gestorbenen wurden zum Todeszeitpunkt nicht verordnete Antipsychotika nachgewiesen, davon bei fünf zusätzlich nicht verordnete Hypnotika/Sedativa. 
  • Bei neun der 53 Personen mit nachgewiesenen Antipsychotika war die ärztliche Indikation zur Verordnung dieser Wirkstoffe nicht nachvollziehbar, bei den 26  Gestorbenen mit Hypnotika/Sedativa waren es acht Personen ohne nicht nachvollziehbare Verordnung.
  • Bei 22 gestorbenen Heim-Bewohnern mit nachgewiesenen Antipsychotika erfolgte die Abgabe abends, bei neun Personen mit Hypnotika/Sedativa morgens. 
  • Durch die Haaranalysen wurden im Dreimonatszeitraum vor dem Tod Antipsychotika als häufigste Wirkstoffgruppe nachgewiesen; außerdem waren Antipsychotika mit durchschnittlich drei Wirkstoffen pro Person auch die Arzneistoffe, die am häufigsten eingesetzt wurden.

Klinische Bedeutung

In dieser Studie sei es erstmals gelungen, die Frage zu beantworten, „ob Medikamente als FEM in stationären Pflegeeinrichtungen eingesetzt werden“, so Sabine Gleich und ihre Kollegen. Die Untersuchung habe mehrere Hinweise auf eine solche Nutzung ergeben. Bei einem erheblichen Anteil der nachgewiesenen Hypnotika/Sedativa und Antipsychotika habe keine nachvollziehbare ärztliche Indikation für deren z. T. auch kombinierte Verordnung gegeben; überwogen hätten Substanzen mit sedierenden Eigenschaften. Darüber hinaus seien nicht ärztlich verordnete zentral wirksame Substanzen „in bedenklich hoher Anzahl nachgewiesen“ worden, „welche deutlich über den Ergebnissen der Prüfberichte des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK) in der stationären Pflege liegt.“ Einen noch stärkeren Effekt habe die Analyse der Haarproben ergeben. 

Kritisch sei hier der hohe Anteil von Hypnotika mit Abhängigkeits- und Suchtpotenzial zu bewerten. Ebenso habe sich gezeigt, dass Leitlinien der Fachgesellschaften zur Verordnung zentral wirksamer Substanzen von den behandelnden Ärzten nur unzureichend berücksichtigt würden. 

Kritik an der derzeitigen Praxis der Verordnung von Psychopharmaka und an der Tatsache, dass keine nicht-medikamentösen Verfahren eingesetzt werden, wird den Autoren zufolge seit Jahren geübt. Verantwortlich dafür scheinen laut Sabine Gleich und ihren Mitautoren nicht nur die Berufsgruppen der Ärzte zu sein, sondern auch die Betreiber der Einrichtungen. Psychopharmaka könnten für die Heime finanziell günstiger als nicht-medikamentöse Verfahren sein, da Medikamente durch die Krankenkassen vergütet würden. Nicht-medikamentöse Verfahren seien dagegen von den Einrichtungen selbst zu tragen; darüber hinaus seien sie zeitaufwendig und personalintensiv. 

Finanzierung: Bayerisches Staatsministerium für Gesundheit und Pflege