Was Marie Antoinette, Stammzellen und graue Haare miteinander verbindet


  • Dr. med. Thomas Kron
  • Smalltalk
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Kernbotschaften

Im Zweiten Weltkrieg soll es vorgekommen sein, dass junge Soldaten nach ihrem ersten schweren Fronteinsatz plötzlich ergraut waren; ähnlich sei es Menschen ergangen, die Bombenangriffe überlebt hätten. Bezeichnet wird dieses Phänomen als Marie-Antoinette-Syndrom . Der Grund: Das Haar der Königin soll in der Nacht vor ihrer Hinrichtung weiß oder grau geworden sein. Auch der Märtyrer Thomes More soll in der Nacht vor seiner Exekution plötzlich ergraut sein. US-Wissenschaftler haben nun herausgefunden, dass bestimmte Stammzellen und ein bekannter Neurotransmitter dabei eine pathogenetische Rolle spielen.

Auch an grauen Haaren schuld": der Stress

Starker Stress gilt als auslösender Faktor für das Marie-Antoinette-Syndrom. Allerdings sind die exakten Pathomechanismen damit noch nicht geklärt. Nun hat ein Team um die Stammzell-Forscherin Dr. Ya-Chieh Hsu von der Harvard-Universität in Boston etwas Licht in das Dunkel bringen können. Im Tierversuch (Mäuse) haben die Forscher nämlich festgestellt, dass Stress und die damit zusammenhängende sympathische Aktivierung zu einem Verlust an Melanozyten-Stammzellen in den Haarfollikeln führt. Die Melanin produzierenden Melanozyten in den Haarfollikeln sind „verantwortlich“ für die Farbe der Haare. Ein schrittweiser Verlust an Melanozyten-Stammzellen ist ein Grund dafür, dass mit dem zunehmenden Alter manche Menschen graues oder weißes Haar bekommen. 

Noradrenalin leert den Stammzellen-Speicher

Der „Übeltäter“, der bei Stress und verstärkter Sympathikusaktivierung den Verlust dieser Stammzellen fördert, soll der Neurotransmitter Noradrenalin sein. Denn in den Haarfollikeln induziert Noradrenalin nach Bindung an β 2-adrenerge Rezeptoren der Melanozyten-Stammzellen die Umwandlung dieser Stammzellen in Melanozyten, die dann unter die Haut wandern. Die Folge ist, dass mit der Zeit ein Mangel an Nachschub für die Melanin produzierenden Zellen besteht. Dass Noradrenalin eine Rolle beim stressbedingten Ergrauen spielt, belegten die Forscher unter anderem damit, dass Mäuse mit Melanoztyen-Stammzellen ohne β2-adrenergen Rezeptoren nicht grau wurden. Dies war auch dann der Fall, wenn die Forscher die Sympathikus-Innervation der Haarfollikel und Noradrenalin-Ausschüttung unterbanden. In weiteren Experimenten konnten die  Wissenschaftler dann zeigen, dass eine gezielte Überaktivierung des Sympathikus die Mäuse auch dann ergrauen ließ, wenn die Tiere keinem Stress ausgesetzt waren.