Was genau geschieht bei COVID-19 im Nervensystem?

  • Universität Gießen

  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaften

Das bundesweite Register CNS-COVID-19 soll Wissenschaftlern wichtige Erkenntnisse zu der Frage liefern, was bei einer Infektion mit dem neuen Corona-Virus im zentralen und peripheren Nervensystem passiert.

Mehrere Berichte zu neurologischen Symptomen

COVID-19-Patienten können zusätzlich zu Fieber, Halsschmerzen und Husten auch neurologische Symptome haben, etwa den Verlust von Geruchs- und Geschmackssinn, Kopfschmerzen, Müdigkeit, Übelkeit, Erbrechen und Bewusstseinsstörungen. Die kürzlich publizierte Krankheitsgeschichte eines jungen Mannes mit einer Meningitis durch das neuen Corona-Virus zeigte zudem, dass das Nervensystem bei COVID-19-Erkrankungen wohl auch bei sehr jungen Patienten befallen sein kann. Wie die Autoren berichteten, war der Nasen-Rachen-Abstrich auf das neue Corona-Virus zwar negativ, aber nicht der Liquor des 24-Jährigen. Dort konnten die Wissenschaftler spezifische SARS-CoV-2-RNA nachweisen. Diese Befunde weisen darauf hin, dass sich das Corona-Virus offensichtlich über den neuralen Infektionsweg ausgebreitet hat, wie es in einer Mitteilung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie vor wenigen Tagen hieß. Darüber hinaus seien bereits mehrere Berichte über ein SARS-CoV-2-assoziiertes Guillain-Barré-Syndrom publiziert worden.

Keine belastbaren Belege

„Es gibt bei COVID-19 Hinweise auf Infektionen des Herzens und der Niere, aber auch auf eine Beteiligung des zentralen Nervensystems“, sagt auch Professor Dr. Till Acker, Leiter des Instituts für Neuropathologie der Universität Gießen (JLU) und Vorstandsvorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Neuropathologie und Neuroanatomie e.V. (DGNN). Belastbare Belege für eine Neuroinvasion bei COVID-19 fehlten jedoch bislang; für Infektionen mit anderen humanen Corona-Viren sei sie bereits nachgewiesen worden. Um eine mögliche Beteiligung des Nervensystems bei COVID-19 zu untersuchen, wird auf Initiative der DGNN ein deutschlandweites Register mit humanen Proben aus dem zentralen und peripheren Nervensystem (ZNS, PNS) bei COVID-19-Obduktionen aufgebaut. Das CNS-COVID-19 benannte Register wird durch das Institut für Neuropathologie und das Institut für Medizininformatik der Universität Gießen gemeinsam mit dem MIRACUM-Konsortium (Medical Informatics in Research and Care in University Medicine) organisiert. 

Ein Ziel: ein besseres Verständnis der Pathomechanismen

Diskutiert werde unter anderem, „ob eine Beteiligung des zentralen Nervensystems durch eine Störung der kardiorespiratorischen Zentren im Hirnstamm für den häufig ungünstigen Krankheitsverlauf bei COVID-19-Patientinnen und -patienten, auch unter Beatmung, mitverantwortlich ist“, so Till Acker.

Mit der neuen Biobank soll nun die Grundlage dafür geschaffen werden, eine mögliche ZNS-Beteiligung detailliert morphologisch, molekular und klinisch zu charakterisieren und die Pathomechanismen der SARS-CoV-2-Infektion besser zu verstehen. So ist unter anderem nicht bekannt, bei welchen klinischen Verläufen und in welcher Häufigkeit das ZNS bei COVID-19 involviert ist. Hierzu ist auch eine enge Zusammenarbeit mit der PanN3-Initiative der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) vereinbart worden, die neurologische Begleiterkrankungen bei COVID-19 untersucht.

Austausch mit anderen COVID-19-Registern und Fachgesellschaften

Das Register soll unter Nutzung der von der Medizininformatik-Initiative entwickelten Plattformen mit anderen COVID-19-Patientenregistern vernetzt werden. „Hierbei wird es einen engen Austausch mit anderen Fachgesellschaften geben“, betont Prof. Acker. „Das Register wird der wissenschaftlichen Gemeinschaft zur Verfügung gestellt.“ Die Einrichtung ist von der DGNN im Rahmen des von der Charité – Universitätsmedizin Berlin koordinierten „Nationalen Forschungsnetzwerks der Universitätsmedizin zu COVID-19“ beantragt worden.

Beteiligt an dem Register sind an der JLU ausser Till Acker auch Prof. Dr. Henning Schneider und Prof. Dr. Keywan Sohrabi (beide Medizinische Informatik), PD Dr. Jan de Laffolie (Pädiatrie), PD Dr. Anne Schänzer (Neuropathologie) und Prof. Dr. Christiane Herden (Veterinär-Pathologie). Zudem gehört Prof. Dr. Axel Pagenstecher (Neuropathologie) von der Philipps-Universität Marburg mit zum Team. Eine schnelle Umsetzung des Projekts soll unter anderem durch die Nutzung des bereits existierenden und unter Federführung von de Laffolie betriebenen Registers CEDATA-GPGE für Kinder und Jugendliche mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen ermöglicht werden.

MIRACUM wird im Rahmen der Medizininformatik-Initiative (MI-I) des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert; alle drei Mitgliedshochschulen des Forschungscampus Mittelhessen gehören zu den Mitgliedern.