Warum Schmusen mit Hund oder Kätzchen fatal enden kann

  • European Journal of Case Reports in Internal Medicine

  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Fall der Woche
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Kernbotschaften

Besitzer von Hunden oder Katzen mit banalen grippeähnlichen Symptomen, sollten sofort einen Arzt aufsuchen, wenn Symptome und Krankheitsverlauf einen ungewöhnlichen Charakter annehmen. Eine rechtzeitige Diagnose und Therapie könnten lebensrettend sein, wie die Krankheitsgeschichte eines 63-jährigen Mannes annehmen lässt, über die Naomi Mader und ihre Kollegen vom Rote Kreuz Krankenhaus in Bremen berichten.

Der Patient und seine Geschichte

Ein 63-jähriger, zuvor gesunder Mann kommt in das Bremer Rote Kreuz Krankenhaus, weil er seit drei Tagen an Fieber und fortschreitender Dyspnoe leidet. Am Tag sind Petechien im Gesicht aufgetreten; zudem entwickelt der Mann Dysästhesien und Myalgien im Bereich der unteren Extremitäten. 

Die Anamnese ergab keinen Krankenhausaufenthalt und auch keine Auslandsreisen kurz vor Symptombeginn. Weder anamnestisch noch laborchemisch gab es Hinweise auf eine Immunschwäche, Asplenie oder auf Alkoholmissbrauch. Eine Verletzung lag ebenfalls nicht vor. Der Mann war zwar Besitzer eines Hundes, von diesem in den vergangenen Wochen aber nicht verletzt oder gar gebissen worden.

Die Befunde

Der bewusstseinsklare Patienten klagte bereits in Ruhe über Luftnot; er war hypoxisch (perkutane Sauerstoffsättigung 70%), anurisch, aber hämodynamisch stabil. Die Temperatur betrug Fieber 39° C), die Atemfrequenz 36/min; Meningitis-Symptome bestanden nicht. Bei der Untersuchung fanden sich ausser Petechien auch Ekchymosen an den unteren Extremitäten, jedoch keine offenen Wunden.

Erste Laborwerte:

  • Thrombozytopenie (20 × 103/μl) und Lymphozytopenie (0,2 × 103/μl)
  • erhöhtes Procalcitonin (> 100 ng/ml) und CRP (205 mg/l)
  • Partielle Thromboplastinzeit > 180 s, INR  3,51. 
  • Der Patient hatte einen akuten Nierenschaden (Kreatinin 3,4 mg/dl) und Anzeichen einer Leberfunktionsstörung sowie einer Rhabdomyolyse (Kreatinkinase 1556 U/l). 
  • Die Blutgasanalyse ergab eine Laktatazidose.

Therapie und Verlauf 

Der Patient wurde mit der Diagnose einer Sepsis auf die Intensivstation verlegt und antibiotisch behandelt. Innerhalb von 30 Stunden verschlechterte sich jedoch sein Zustand. Er entwickelte eine Enzephalopathie und einen paralytischen Ileus. Schließlich erlitt der Mann einen Herzstillstand, wurde jedoch erfolgreich wiederbelebt, maschinell beatmet und aufgrund der instabilen Hämodynamik weiterhin dementsprechend behandelt, wobei auch eine Dialyse eingeleitet wurde. Blutkulturen ergaben dann den gramnegativen Erreger Capnocytophaga canimorsus. Der Patient erhielt daraufhin zusätzlich zu den bisher verabreichten Antibiotika noch Ciprofloxacin und wegen des Nachweises von Candida albicans auch Fluconazol.

Trotz der intensivmedizinischen Behandlung wurde der Zustand des Patienten immer schlechter. So entwickelte er zum Beispiel eine komplette progressive Epidermolyse. Ein Abdomen-CT zeigte einen vollständigen Milzinfarkt; zudem wurden alle Extremitäten gangränös. Da ein zerebrales CT Zeichen eines schweren hypoxischen Hirnödems aufwies, entschieden sich die behandelnden Ärzte gemeinsam mit den Angehörigen, die Therapie zu deeskalieren. Der Patient starb nach 16 Tagen Behandlung an den Folgen einer Sepsis mit Multiorganversagen. 

Schlussfolgerungen

C. canimorsus ist, wie Naomi Mader und ihre Kollegen erläutern, ein gramnegatives Stäbchen und fakultatives anaerobes Bakterium, das physiologisch in der Mundhöhle vor allem von Hunden und Katzen vorkommt. Die Infektion mit C. canimorsus werde am häufigsten durch Hundebisse übertragen. Infektionen durch C. canimorsus seien im Allgemeinen selten und reichten von selbstlimitierenden lokalen Hautinfektionen bis hin zu einem septischem Schock. Bei Patienten mit Immunschwäche, Splenektomie oder Alkoholmissbrauch wurden den Autoren zufolge schwere und tödliche Infektionen berichtet. Die Übertragung durch Biss und häufige Berichte über eine Immunschwäche könnten darauf hinweisen, dass normalerweise eine höhere Bakterienkonzentration und eine Immunschwäche erforderlich seien, um eine besonders schwere C. canimorsus-Infektion zu verursachen. Eine Purpura fulminans sei ein frühes Zeichen für einen zunehmend schweren Verlauf. Eine Infektion mit C. canimorsus verläuft bei etwa 25% der Patienten tödlich. Über schwere oder gar tödliche C. canimorsus-Infektionen ohne Biss- oder Kratzverletzungen durch Haustiere wie im Falle des 63-jährigen Mannes sei jedoch bisher kaum berichtet worden.

Die Bremer Ärzte empfehlen Tierhaltern, bei grippeähnlichen Symptomen sofort ärztlichen Rat einzuholen, wenn ihre Symptome deutlich über die einer einfachen Virusinfektion hinausgehen. Ärzte, die mit solchen Patienten konfrontiert seien, sollten sich nach dem Kontakt mit Hunden und Katzen erkundigen. C. canimorsus-Infektionen sollten sie auch bei Abwesenheit von Tierbissen oder -kratzern sowie etwaigen Immunschwächen in Betracht ziehen. Bei Verdacht auf eine solche Infektion sollte sofort mit einem Penicillin in Kombination mit einem Beta-Lactam-Hemmer behandelt werden, bis eine eindeutige Diagnose vorliege.