Warum auf der Raumstation außer Maultaschen auch schon Gerinnungshemmer gebraucht wurden


  • Dr. med. Thomas Kron
  • Smalltalk
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Kernbotschaften

Ein mehrmonatiger touristischer Aufenthalt im All ist heute zwar noch Zukunftsmusik, aber wer einmal in den Genuss einer solchen Reise kommt, sollte Gerinnungshemmer mit in der Reiseapotheke haben, wie der reale Fall eines Astronauten zeigt, über den ein Team um Dr. Serena Maria Auñón-Chancellor (Louisiana State University Baton Rouge Campus) sowie Gerinnungsexperte Professor Stephan Moll (University of North Carolina School of Medicine) berichtet. Serena Maria Auñón-Chancellor ist eine US-amerikanische Astronautin und hielt sich 2018 mehrere Monate in der Raumstation auf.

Verdacht auf venöse Thrombose

Wie Auñón-Chancellor und ihre Mitautoren in einem Brief im „New England Journal of Medicine“ berichten, wurde ungefähr zwei Monate nach Beginn der Weltraum-Mission im Rahmen einer Forschungsstudie bei einem Astronauten sonografisch der Verdacht auf eine obstruktive Thrombose der linken Jugularvene gestellt. Der Astronaut gab keine Kopfschmerzen oder andere Symptome an. Die persönliche und familiäre Anamnese für venöse Thromboembolien war negativ. Die vom Astronauten durchgeführte Real-Time-Sonografie, die von zwei Radiologen auf der Erde interpretiert wurde, bestätigte das Vorliegen einer subakuten Venenthrombose. Die kontralaterale V. jugularis interna und die bilaterale V. subclavia, die V. axillaris, die V. poplitea und die V. femoralis waren unauffällig.

Erst Enoxaparin, dann Apixaban

In der Apotheke der Raumstation gab es 20 Ampullen Enoxaparin (300 mg), so dass eine Therapie mit dem Heparin begonnen werden konnte (1,5 mg pro Kilogramm Körpergewicht, einmal täglich). Nach 33 Tagen wurde die Dosierung reduziert (1 mg pro Kilogramm), um die Zeit bis zum Eintreffen eines Versorgungsfahrzeuges zu überbrücken, das Apixaban sowie Protamin und Prothrombinkomplexkonzentrat zur Raumstation brachte. Der Wechsel auf Apixaban (5 mg zweimal täglich) erfolgte 42 Tage nach der Diagnose der Venenthrombose; drei Monate nach der Diagnose wurde die Dosis auf 2,5 mg zweimal täglich reduziert.

Sonografische Kontrolluntersuchungen im Abstand von 7 bis 21 Tagen zeigten eine progressive Organisation und Volumenreduktion des Thrombus. Allerdings gab es selbst nach 90 Tagen Antikoagulation noch keine spontane Perfusion; die Apixaban-Therapie wurde vier Tage vor der Rückkehr zur Erde abgebrochen. Untersuchungen 24 Stunden nach der Landung ergaben ein geringes Restthrombus-Volumen und zehn Tage nach der Landung keinen Thrombus mehr. Bei der Nachuntersuchung sechs Monate nach der Rückkehr zur Erde war der Astronaut weiterhin asymptomatisch. 

Mehrere Effekte auf das Herz-Kreislauf-System

Dass ein längerer Aufenthalt im All medizinisch nicht ganz unbedenklich ist, etwa für Herz und Gefäße, ist schon öfter berichtet worden. Eine bekannte Hauptsorge ist seit Jahrzehnten das langfristige Krebsrisiko durch Strahlen. Aber Beachtung verdient hat auch das Herz-Kreislauf-System, denn der Wegfall der irdischen Schwerkraft habe auch Auswirkungen auf das kardiovaskuläre System, auf die Regulation des Blutdruckes etwa, auf die Hämoglobin-Konzentrationen, auf die maximale Sauerstoffaufnahme und die aerobe Leistungsfähigkeit, berichtete vor wenigen Jahren Dr. Richard L. Hughson (Schlegel-University of Waterloo Research Institute for Aging, Ontario) im Fachmagazin „Nature Reviews Cardiology. Weltraum-Flüge können auch zu morphologischen Gefäßveränderungen führen. So wurde zum Beispiel bei Astronauten eine Zunahme der femoralen Intima-Media-Dicke festgestellt.

Auch im All eine gute Wahl: Kässpatzen und Zwetschgen-Rösti

Kardiovaskulär bedeutsame Faktoren sind selbstverständlich auch im All der soziale Stress, die Ernährung und die Tatsache, dass die Astronauten meist sitzen. Sie müssen daher bei länger Aufenthalten im All regelmäßig Sport treiben und auch auf ihre Ernährung achten. Was nicht so ganz einfach ist, da der Geschmackssinn sich während des All-Aufenthaltes ändert; so wäre eine salzreiche Kost für die Astronauten zwar ein Plus an Lebensqualität, für ihren Blutdruck hingegen eher schädlich. Eine kalorienreduzierte Kost wiederum ist nicht empfehlenswert, da im All Muskulatur und Knochen ohnehin leiden. Deshalb kümmern sich Köche und Wissenschaftler um die geeignete Weltraum-Kost. Für den aus Baden-Württemberg stammenden Astronauten Alexander Gerst etwa sollen insgesamt sieben Mahlzeiten kreiert worden seien, darunter Kässpatzen, Seidelwürste, Maultaschen und auch Zwetschgen-Rösti.