Vor allem Frauen erhalten einer Analyse zufolge potenziell inadäquate Medikamente

  • Z Gerontol Geriat

  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Studien – kurz & knapp
Der Zugang zum gesamten Inhalt dieser Seite ist nur Angehörigen medizinischer Fachkreise vorbehalten. Der Zugang zum gesamten Inhalt dieser Seite ist nur Angehörigen medizinischer Fachkreise vorbehalten.

Kernbotschaften

Hausärzte sowie Fachärzte für Neurologie/Psychiatrie/Psychotherapie (NPP) sind die Arztgruppen, die laut einer aktuellen Analyse von Praxisnetz-Daten die meisten Priscus-Verordnungen vornehmen. Frauen erhalten einen höheren Anteil an Priscus-Verordnungen als Männer; der Anteil steigt zudem mit dem Alter.

Hintergrund

Dass es heute gegen viele Krankheiten Medikamente gibt, ist ein Fortschritt. Doch die bekannte Kehrseite ist, dass viele Menschen, insbesondere alte und chronisch kranke, auch mehrere Arzneimittel erhalten, was unerwünschte Folgen haben kann. Als Lösungsansätze, um eine potenziell mehr schädliche als heilende Polypharmazie zu vermeiden, sind Arzneimittel-Listen zu potenziell inadäquaten Medikamenten (PIM) erstellt worden, so etwa die PRISCUS-Liste . Die Prävalenz von PIM ist weitestgehend bekannt. Sie liegt je nach verwendeter Liste, Setting und Land zwischen 11 und 75 %. In Deutschland ist, wie die Autoren der vorliegenden Analyse berichten, der Anteil der PIM-Verordnungen zwar rückläufig, der Anteil der ab 65-Jährigen mit mindestens einer PIM-Verordnung liegt jedoch weiterhin bei ca. 25%. Um einen Ansatz zur Reduktion der Verordnung von PIM zu finden, haben die Wissenschaftler um Katharina Gudd (Lehrstuhl für Gesundheitsmanagement, Universität Erlangen Nürnberg) ambulante Verordnungsdaten analysiert.

Design

Ausgewertet wurde ein Datensatz der AOK Bayern mit anonymisierten Verordnungsdaten eines Praxisnetzes an Patienten ab 65 Jahren von 2010 bis 2014. Zur Identifikation der PIM wurde die Priscus-Liste verwendet.

Hauptergebnisse

  • Für den Untersuchungszeitraum lagen 410.934 Verordnungen vor. 
  • Die Prävalenz von PIM-Verordnungen betrug 5,60 %. 
  • Hausärzte verordneten 5,39 % PIM; Fachärzte für Neurologie/Psychiatrie/Psychotherapie (NPP) verordneten 16,36 % PIM. 
  • Am häufigsten wurden PIM aus den Arzneimittelgruppen der Psycholeptika, Psychoanaleptika oder Antihypertonika verordnet. Bei Männern und Frauen entfielen in dem Zeitraum 4,50 % bzw. 6,31 % der Verordnungen auf PIM. 
  • Hochbetagte Frauen erhielten am häufigsten PIM.

Klinische Bedeutung

Bei Fachärzten für NPP ist den Ergebnissen zufolge zwar eine hohe Verordnungsprävalenz von PIM festzustellen; Hausärzte  verordnen, absolut gesehen, insgesamt jedoch deutlich mehr PIM. Davon sind insbesondere Frauen, v. a. zwischen 80 und 84 Jahren, betroffen. Die Autoren empfehlen, Hausärzte stärker zu ihren Verordnungen von Psychopharmaka und Antihypertonika an ältere Frauen zu sensibilisieren.

Eingeschränkt werden die Ergebnisse, wie die Autoren berichten dadurch, dass nur Verordnungen von Ärzten aus einem Praxisnetz berücksichtigt wurden. Es sei möglich, dass die Patienten auch Ärzte ausserhalb des Praxisnetzes konsultiert und hier möglicherweise PIM verordnet bekommenhätten. Zudem könnten auch nichtverschreibungspflichtige Arzneimittel Wirkstoffe der Priscus-Liste enthalten „und im Rahmen von Selbstmedikation eingenommen werden. Eine weitere Limitation betreffe die fehlenden Informationen zu Dosis und Freisetzungsform der verordneten Wirkstoffe. Es seien alle Verordnungen der 83 Wirkstoffe der Priscus-Liste berücksichtigt worden - und damit möglicherweise adäquate Verordnungen unterhalb der Dosisgrenzen bzw. in einer passenden Freisetzungsform als inadäquat klassifiziert. 

Ein grundsätzliches Problem ist zudem, dass eine Verordnung von PIM nicht immer zu vermeiden ist. Es gibt immer wieder Patienten, bei denen keine Therapiealternativen existierten. Ein Problem der PRISCUS-Liste ist auch, dass sie Substanzen pauschal und diagnoseunabhängig als potenziell ungeeignet für geriatrische Patienten einstuft.

Finanzierung: keine Angaben