Von wegen „inaktiv“ – Viele Hilfsstoffe in Tabletten könnten Nebenwirkungen verursachen

  • Science Translational Medicine

  • von Michael Simm
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaft

Die Mehrzahl zugelassener Arzneien enthält sogenannte „inaktive“ Stoffe, die zumindest bei manchen Patienten allergische Reaktionen oder gastrointestinale Beschwerden hervorrufen können.

Hintergrund

Neben den eigentlichen Wirkstoffen enthalten Tabletten meist zahlreiche Hilfs- und Füllstoffe. Die meisten dieser Substanzen gelten als sicher. Vereinzelte Fallberichte lassen aber vermuten, dass sie die Gesundheit auf eine Art und Weise beeinträchtigen könnten, die mit den aktuellen Screeningmethoden nicht nachweisbar ist.

Design

Analyse von Datenbanken wie z.B. der Gelben Liste und Pillbox, um die Häufigkeit und die Menge inaktiver Inhaltsstoffe in zugelassenen Medikamenten zu bestimmen und mögliche unerwünschte Reaktionen durch diese Stoffe zu erfassen.

Hauptergebnisse

  • Oral verabreichte Formulierungen der häufigsten Medikamente in den USA bestehen aus 75 ± 26 % inaktiven Substanzen; aus den Daten der Gelben Liste ergibt sich ein Wert von 71 ± 26 %.
  • Den größten Anteil inaktiver Substanzen hat der Lipidsenker Atorvastatin Calcium mit 770 mg. Simvastatin aus der gleichen Medikamentenklasse hatte dagegen nur 50 mg inaktive Substanzen, die dennoch 90 % des Gesamtgewichts einer Tablette ausmachten.
  • Nach Gewicht enthält eine typische Tablette 164 mg aktive gegenüber 280 mg inaktiven Substanzen.
  • Median sind in einer Tablette 8 inaktive Substanzen enthalten. Jedoch ist die Bandbreite sehr groß. So fand sich Magnesiumstearat in 72 % aller erfassten Formulierungen, wogegen 30 % aller inaktiven Substanzen nur jeweils 1 Mal vorkam.
  • Zu 38 „inaktiven“ Substanzen fanden die Forscher Berichte zu allergischen Reaktionen nach oraler Exposition. Fast alle (92,8 %) oralen Formulierungen enthielten zumindest eines dieser potenziellen Allergene.
  • Unter den vergärbaren Mehrfach-, Zweifach- und Einfachzuckern (FODMAPs), die von Patienten mit Reizdarmsyndrom gemieden werden sollten, war in 55 % aller Tabletten mindestens eine enthalten, teilweise in Mengen von mehr als 500 mg.
  • Laktose findet sich in 45 % aller oralen Medikamente, dies obwohl 75 % der Weltbevölkerung eine Laktose-Intoleranz haben.

Klinische Bedeutung

Die Datenerhebung lenkt den Blick auf einen bislang möglicherweise vernachlässigten Aspekt der Pharmakologie von Tabletten: den „inaktiven“ Inhaltsstoffen. Deren mögliche Effekte besser zu verstehen könnte langfristig zu verträglicheren Pillen für suszeptible Personen führen.

Finanzierung: Schweizerischer Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung.