Von Neuroseximus, Coco Chanel und Pudding kochenden Männern

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„Eine Frau hat zwei Lebensfragen: Was soll ich anziehen? Was soll ich kochen? Und das Allerwichtigste für den Mann ist der Pudding." Diese Dr. Oetker-Werbung von 1950 dürfte heute für einen gewaltigen Shitstorm in den sozialen Medien sorgen - zu Recht. Denn abgesehen davon, dass es Männer gibt, die sich ihren Pudding selbst kochen können: Frauen spielen erstklassig Fußball, betreiben Spitzenforschung, fliegen Jumbos, Jets und sogar ins All. Auch ist die Weltgeschichte nicht arm an mächtigen Frauen, die Männern gezeigt haben, wo es lang zu gehen hat, etwa Kleopatra, Golda Meir oder Coco Chanel.

Männer doch irgendwie gleicher

Aber noch immer sind Frauen in Führungspositionen eher die Ausnahme. Noch immer sei „die Auffassung weit verbreitet, dass die fehlende Geschlechterparität in den Führungsspitzen vorrangig ein Frauenproblem(chen) darstellt und weniger ein gesellschaftliches oder gar ein wirtschaftliches“, hieß es kürzlich im E-Magazin „Gerechte Gesundheit“. Und selbst im 21. Jahrhundert, rund 2000 Jahre nach Kleopatra, gibt es zweifelsfrei noch immer einige Zeitgenossen, die meinen, dass Männer ja doch irgendwie gleicher seien als Frauen. So soll letztes Jahr ein italienischer Physik-Professor verkündet haben, dass es nur deswegen weniger Physikerinnen als Physiker gebe, weil das weibliche Gehirn für die physikalische Forschung nicht so gut geeignet sei wie das männliche.

Vorurteile im Gewande der Wissenschaft

Sicher: Es hat sich im Laufe der Jahrhunderte bei den „Argumenten“ etwas getan, mit denen zu begründen versucht wird, warum Männer die Hosen tragen dürfen und Frauen eher die Kittelschürze. Früher, vor dem Siegeszug der modernen Naturwissenschaften, wurde die angeblich „inferiore“ Rolle von Frauen oft als „natur- oder gottgegeben begründet. Heute präsentierten sich Vorurteile gegen Frauen eher im Gewand von Studien, etwa Studien mit bildgebenden Verfahren, die tiefe Einblicke in Struktur und Funktionsweise des Gehirns ermöglichen und daher natürlich dem Wesen des weiblichen und männliche Seins sehr viel näher zu kommen scheinen als etwa ein endoskopischer Blick ins Innere der Gallenwege.

Lehrstunden in schlechter Forschung

Die britische Neurowissenschaftlerin Dr. Gina Rippon hat sich solche Studien angeschaut und ihre Erkenntnisse und Ansichten dazu in einem Buch mit dem Titel „The Gendered Brain“  dargestellt. Ihr Fazit ist recht niederschmetternd für die Autoren vieler Studien. Die Suche nach Geschlechter-Unterschieden im Inneren des Schädels sei eine Lehrstunde in schlechter Forschung, bringt die US-Neurowissenschaftlern Lise Eliot (Chicago Medical School of Rosalind Franklin University of Medicine and Science) das Fazit in einem Beitrag in „Nature“ auf den Punkt.

 „A gendered world will produce a gendered brain”

Dass Frauen und Männer sich oft unterschiedlich verhielten und unterschiedliche Interessen hätten, liege nicht primär an der zerebralen Hard- und Software, sondern an Erziehung, Umwelt und Sozialisierung, sagt Rippon. Schließlich werde schon Kindern frühzeitig „eingeimpft“, dass erfolgreiche Frauen bestenfalls fleißige Bienchen mit viel Glück im Leben seien, erfolgreichen Männer hingegen stets etwas Geniales besäßen. Rippon’s zentrale Botschaft lautet daher: „A gendered world will produce a gendered brain”.

Gegenwind - von Männern und Frauen

Mit ihren Aussagen stößt Rippon allerdings nicht nur auf Zustimmung; Gegenwind kommt auch nicht nur von Männern. Die Neurowissenschaften sollten Unterschiede zwischen Frauen- und Männer-Hirnen stärker beachten, fordert zum Beispiel die Neurowissenschaftlerin Dr. Aarthi Gobinath (Universität von British Columbia in Vancouver). Unterschiede gebe es etwa bei Hormonen und Hormonrezeptoren, auch bei Neurotransmittern wie Dopamin und Serotonin; sogar die Interaktion zwischen Hirn und Immunsystem sei bei Frauen und Männern nicht identisch. Außerdem manifestierten sich zerebrale Erkrankungen wie die Alzheimer-Krankheit oder die Schizophrenie bei Frauen und Männern unterschiedlich. Autismus, Depressionen und Morbus Parkinson seien bei ihnen unterschiedlich häufig. Auch bei der Effektivität der Therapie gebe es Differenzen. Solche Unterschiede müssten stärker beachtet und erforscht werden, um bessere Therapien für Patienten mit psychiatrischen und neurologischen Erkrankungen entwickeln zu können, schreibt Aarthi Gobinath. Es sei nicht zielführend, die Augen vor der Realität zu verschließen. 

Das Geschlecht spiele bei zerebralen Erkrankungen eine gewichtige Rolle, argumentieren auch die Alzheimer-Forscher und Protagonisten der so genannten Precision Medicine Dr. Maria Teresa Ferretti ( Women’s Brain Project und Universität Zürich) und Professor Harald Hampel (seit wenigen Monaten Vice President, Global Medical Affairs, Alzheimer's Disease beim Unternehmen Eisai in den USA). In einem  Beitrag  mit weiteren Wissenschftlern machen sie deutlich, wie relevant zum Beispiel Geschlechter-Unterschiede allein für die Diagnose und Therapie der Alzheimer-Krankheit sind. So gebe es klare Unterschiede zwischen den Geschlechtern bei der Progression der Erkrankung und bei den Risikofaktoren, erklärt Harald Hampel, der sich als Chef der Alzheimer Precision Medicine Initiative intensiv für die Precision Medicine strak macht. Bei Frauen schreite der kognitive Abbau rascher voran als bei Männern, die zerebrale Atrophie ebenso; einige metabolische Risikofaktoren wie Adipositas seien hingegen bei Männern häufiger. Diese Unterschiede müssten beachteten werden, wenn Konzepte für eine personalisierte Diagnostik und Therapie entwickelt werden. Selbstverständlich seien sie auch bei der Planung von wissenschaftlichen Studien zu beachten. Möglicherweise habe mangelnde Beachtung der Gender-Unterschiede mit zu den Rückschlägen bei der Entwicklung von wirksamen Therapien gegen Erkrankungen wie die Alzheimer-Erkrankung beigetragen.

Von entscheidender Bedeutung: Östradiol

Geschlechtsspezifische Unterschiede und Sexualhormone müssten bei der Untersuchung neurodegenerativer Erkrankungen und der Risiken dafür noch mehr berücksichtigt werden; wichtig sei dies insbesondere in der Lebensmitte, da diese Übergangsphase für Frauen eine besondere Chance zur Prävention biete, so auch die Neurowissenschaftlerin Privatdozentin Julia Sacher vom  Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften  in Leipzig, die mit ihrer Doktorandin Rachel Zsido untersucht hat, wie sich Sexualhormone und Körpergewicht auf das emotionale und kognitive Wohlbefinden auswirken. Dabei fanden sie heraus, dass das Hormon Östradiol eine entscheidende Rolle dabei spielt, vor allem in der Lebensmitte Netzwerke im weiblichen Gehirn strukturell intakt und das Gedächtnis gesund zu erhalten. In einer zweiten Studie stellte Julia Sacher in Zusammenarbeit mit Professorin Steffi Riedel-Heller (Institut für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health) außerdem fest, dass erhöhte Testosteronwerte und Veränderungen im Körpergewicht die Anfälligkeit für Depressionen bei Frauen vor und nach dem Übergang in die Menopause unterschiedlich beeinflussen.

Kurzum: Es gibt offenbar relevante Unterschiede zwischen dem weiblichen und männlichen Hirn, die zu untersuchen sich für die Medizin lohnen können. Außerdem: „ Die selbstsichere Frau verwischt nicht den Unterschied zwischen Mann und Frau - sie betont ihn“, so Coco Chanel.