Von „Coronabonds“ und „Covidioten“


  • Dr. med. Thomas Kron
  • Smalltalk
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Kernbotschaften

Das neue Corona-Virus wirkt auf Wissenschaftler offenbar wie Aufputschmittel auf Radprofis. Sogar Philologen zieht das Virus in seinen Bann, wie das Beispiel einer Romanistin der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) zeigt. 

Die Linguistik der Corona-Krise

Zum derzeit alles dominierenden Thema COVID-19 melden sich Naturwissenschaftler, Mediziner, Psychologen, Gesundheitspolitiker, Politologen, Juristen, Ökonomen, Soziologen, Historiker, hin und wieder sogar Patienten, selbstverständlich auch Philosophen wie Alain Finkielkraut, Alles-Deuter wie Peter Sloterdijk und natürlich auch Richard David Precht, der „Experte für alles Mögliche“, wie er kürzlich in der „FAZ geehrt wurde. Da können selbstverständlich Literaturwissenschaftler, Philologen und Linguisten nicht zurückstehen, hat sich offenbar Professorin Dr. Daniela Pietrini , Romanistin an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU), gedacht und begonnen, die Linguistik der Corona-Krise zu erforschen. Dafür analysiert sie Zeitungsartikel und Regierungsansprachen aus Italien, die sich mit dem Virus befassen, und vergleicht sie mit denen aus Frankreich und Deutschland. Erste Erkenntnisse hat sie nun online veröffentlicht.

Vom Fachterminus bis zur Umgangssprache

Diese kritische Reflexion biete ihr auch eine Möglichkeit, Abstand zu den Ereignissen zu halten, sagt Pietrini, die in Neapel geboren ist und deren Familie größtenteils in Italien lebt. Interessant ist der Romanistin zufolge, welchen Weg der Begriff „Corona-Virus“ vom Fachterminus zur journalistischen Sprache bis hin zur Umgangssprache genommen habe. Weil Corona-Viren seit SARS und MERS bekannt sind, war in der italienischen Presse zunächst von einem Corona-Virus, mit zunehmender Verbreitung jedoch von dem Corona-Virus die Rede. Zu Beginn der Epidemie hätten sich auch diskriminierende Bezeichnungen, etwa „chinesisches Virus“, gefunden, was mit der offiziellen Bezeichnung SARS-CoV-2 durch die WHO jedoch wieder verschwunden sei. 

Nur noch zwei Arten von  Patienten

Inzwischen berichten laut Pietrini italienische Zeitungen nicht mehr von COVID-19, sondern nur noch von „COVID“. Es gebe „pazienti no Covid" - also Patienten, die an anderen Krankheiten leiden. Wenn von einer „Zeit a.C." gesprochen wird, dann sei nicht etwa „vor Christus" gemeint, sondern „ante Corona-Virus“, also die Zeit vor dem Ausbruch der Pandemie. Auch Wortverschmelzungen fänden sich: Aktuell höre und lese man Pietrini zufolge viel von „Coronabond", einer Verbindung aus Coronavirus und Eurobond. In der Umgangssprache habe sich der „covidiota" etabliert, ein „Idiot, der sich nicht an die Maßnahmen hält und somit das Risiko der Ausbreitung des Virus erhöht", erklärt Pietrini.

Die Sprache der Politiker

Auch die Sprache der Politiker hat Daniela Pietrini analysiert. „Ich habe die ersten Ansprachen an die Nation jeweils von Giuseppe Conte, Emmanuel Macron und Angela Merkel miteinander verglichen", sagt sie. Aufgefallen sei ihr dabei, dass vor allem Emmanuel Macron auf eine starke Kriegsmetaphorik setze - das Wort „guerre", Krieg, komme in seiner Rede siebenmal vor. Angela Merkel verwende „Krieg" nur einmal, der italienische Ministerpräsident hingegen gar nicht: Giuseppe Conte nutze stattdessen maritime Metaphern und sagt beispielsweise „siamo sulla stessa barca" - „wir sitzen alle im selben Boot".

Das Virus selbst spiele in den drei Reden eine unterschiedliche Rolle: Bei Macron und Merkel zähle es zu den am meisten verwendeten Substantiven, während Conte es nur zweimal erwähne. Unterschiedliche Kommunikationsstrategien offenbare auch die Untersuchung der Stilmittel: „Die Rede von Merkel ist sehr sachlich, ihr Gebrauch von Wiederholungen und sonstigen Stilfiguren sehr ausgeglichen, Macron hingegen wirkt durch massive Wiederholungen sehr emphatisch, während Conte sich dazwischen positioniert und eine starke Empathie mit seinen Mitbürgern ausdrückt, indem er fast ausschließlich Wir-Botschaften verwendet", sagt die Romanistin.

Ihre Erkenntnisse veröffentlicht Daniela Pietrini in einem wöchentlich erscheinenden Artikel auf der Internetseite des italienischen Enzyklopädie-Instituts Treccani.  Aktuell untersuche sie die Kommunikation in den sozialen Netzwerken, speziell die Bildung von Slogans und Hashtags, heißt es in der Mitteilung. „Ein anderer Aspekt, an dem ich gerade arbeite, sind die Anglizismen, die sich im Zusammenhang mit der Pandemie rasch verbreiten", erzählt sie. „Ich denke hier beispielsweise an Lockdown, ein für das Italienische völlig neues Wort."