Virologen stützen Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung und kritisieren KBV

  • Gesellschaft für Virologie

  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaft

Der Vorstand der Gesellschaft für Virologie (GfV), die deutschen Beiratsmitglieder der GfV sowie mehrere leitende Virologen in Deutschland halten die von der Politik aktuell angeordneten Maßnahmen zur Reduktion der Zahl an SARS-CoV-2 Neuinfektionen in der Gesamtschau für erforderlich und notwendig.

Exponentielle Zunahme der Zahl an Neuinfektionen

Den Unterzeichnern sei bewusst, dass diese erhebliche Einschränkungen und wirtschaftlich negative Folgen haben und deshalb nur temporär eingesetzt werden könnten - in Übereinstimmung mit der Einschätzung durch die Weltgesundheitsorganisation.Jedoch sei die jetzige Situation in Deutschland von einer exponentiellen Zunahme der Zahl an SARS-CoV-2 Neuinfektionen geprägt, der mit einer zeitlichen Verzögerung ein Anstieg der schweren COVID-19 Verläufe folge: 

  • 03. September 2020: 1.311 Neuinfektionen und 223 COVID-19 Patienten/Innen in intensivmedizinischer Behandlung
  • 01. Oktober 2020: 2.503 Neuinfektionen und 362 COVID-19 Patienten/Innen in intensivmedizinischer Behandlung
  • 30. Oktober 2020 (direkt vor dem Beschluss der Bundesregierung): 18.681 Neuinfektionen und 1.839 COVID-19 Patienten/Innen in intensivmedizinischer Behandlung
  • 05. November 2020: 19.990 Neuinfektionen und 2.653 COVID-19 Patienten/Innen in intensivmedizinischer Behandlung

Trotz einer Vielzahl von Appellen und Erklärungen von Seiten der Politik, der Behörden, der Gesundheitsämter und anderer Institutionen an die Bevölkerung zur Beachtung der AHA+L+A Regel (Abstand/Hygiene/Alltagsmaske + regelmäßiges Lüften + Corona Warn-App) konnte der rasante Anstieg der SARS-CoV-2 Neuinfektionen nicht verhindert werden. Deshalb bleibt laut der Virologen-Stellungnahme zurzeit keine andere Möglichkeit als der Teil-Lockdown, um die weitere Ausbreitung durch Kontaktbeschränkungen einzudämmen. Dies ist wichtig, um das Gesundheitssystem in Deutschland leistungsfähig zu halten und damit zu gewährleisten, dass COVID-19 Erkrankte und alle anderen Patienten weiterhin eine optimale Krankenversorgung erhalten (siehe dazu auch die Stellungnahmen und Aussagen verschiedener Fachverbände wie z.B. Deutsche Gesellschaft für Nephrologie e.V., Berufsverband Deutscher Anästhesisten, Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin, Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin).

Besonderer Schutz von Risikogruppen ein zentrales Anliegen

Aus ihrer Sicht stimmten alle an der Bekämpfung der Pandemie Beteiligten darin überein, dass der besondere Schutz von Risikogruppen ein zentrales Anliegen sei, erklären die Autoren und Unterzeichner der Stellungnahme. Es sei jedoch zu bedenken, dass ca. 30% der europäischen Bevölkerung mindestens einen bekannten Risikofaktor für einen schweren Infektionsverlauf habe. Damit werde klar, dass viele Risikopersonen nicht in Einrichtungen lebten (für die ohnehin schon besondere Vorsichtsmaßnahmen getroffen wurden), sondern in der Mitte der Gesellschaft. Diese Personen besser zu schützen werde nur über die Reduktion von Infektionen in der Gesamtbevölkerung gelingen.

Außerdem sei es essentiell, durch geringere Neuinfektionszahlen die Gesundheitsämter wieder in die Lage zu versetzen, Kontaktverfolgungen durchzuführen und Infektionsketten zu unterbrechen. Das Ziel, Kontakte rasch nachzuverfolgen, darf laut der Stellungnahme zum jetzigen Zeitpunkt auf keinen Fall aufgegeben werden. Es sei selbstverständlich, dass dies keine alleinige Maßnahme zur Pandemiebekämpfung sei, und auch nie gewesen sei, sondern ergänzend zu den AHA+L+A Empfehlungen zu sehen ist.

Die Unterzeichner/innen seien sich einig, dass ohne Impfstoffe eine Kontrolle der SARS-CoV-2-Pandemie aktuell nur mit wirksamer Kontaktreduzierung und der konsequenten Einhaltung der AHA+L+A Regel gelingen könne. Die Zeit zu handeln sei jetzt, bevor ein Punkt erreicht werde, an dem jede Maßnahme zu spät komme. Die jetzigen Beschränkungen könnten viele Menschenleben in Deutschland retten und einen weitergehenden Lockdown mit noch mehr Schäden für die öffentliche Gesundheit und die Wirtschaft verhindern, wenn sie konsequent umgesetzt werden.

Kritik an KBV-Stellungnahme

Die Virologen distanzieren sich von der Art und Weise, wie verschiedene Vorschläge zur Pandemie-Eindämmung vorgebracht würden und auch von einigen Inhalten. Dazu zähle die Darstellung der kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) in ihrer Stellungnahme, einschließlich der dazu gehörenden Pressekonferenz vom 28. Oktober 2020. Darin werde der Anschein erweckt, dass es sich um die gesammelte Meinung von Wissenschaft und Ärzteschaft gehandelt habe. Dies gelte für die Mehrzahl der Virologen und Virologinnen sowohl aus wissenschaftlicher als auch aus ärztlicher Sicht ganz sicher nicht. Die Unterzeichner der Stellungnahme distanzieren sich darüber hinaus von den in der Pressekonferenz und dem Positionspapier der KBV geäußerten Vorschlägen zur Ablehnung Lockdown-ähnlicher Maßnahmen und der Beschränkung auf eigenverantwortliche Umsetzung der AHA+L+A Regeln. Eine alleinige Eindämmung nur durch Kontaktpersonennachverfolgung sei nie Strategie der Pandemie-Bekämpfung gewesen. Sie sei immer kombiniert mit den o.g. Verhaltensmaßnahmen worden, sollte aber auch zukünftig immer ein wichtiger Bestandteil der Eindämmung der Virusausbreitung sein. Der besondere Schutz von Risikogruppen war und ist, wie es abschließend heißt, ein zentraler Punkt der Pandemiebekämpfung, muss aber berücksichtigen, dass diese auch in der Mitte unserer Gesellschaft leben.