Viele ältere Menschen werden auf Krebs „übergescreent“

  • Moss JL & al.
  • JAMA Netw Open
  • 01.07.2020

  • Studien – kurz & knapp
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Ältere Menschen werden einem „Überscreening“ auf Krebs unterzogen, sagen Forscher, die feststellten, dass viele berichten, einem Screening auf Krebs unterzogen worden zu sein, obwohl sie älter waren als die obere empfohlene Altersgrenze.

Die US Preventive Services Task Force (USPTF) empfiehlt eine Obergrenze für Krebsscreenings, die je nach Krebsart unterschiedlich ist – 75 Jahre für Kolorektalkarzinom, 74 Jahre für Brustkrebs und 65 Jahre für Zervixkarzinom.

Die Studie ergab, dass 59,3 % der Männer und 56,2 % der Frauen, die auf ein kolorektales Karzinom gescreent wurden, über dem Limit-Alter lagen, ebenso 45,8 % der Frauen, die auf ein Zervixkarzinom gescreent wurden, und 74,1 % der Frauen, die auf Brustkrebs gescreent wurden.    

Ein Überscreening war besonders hoch bei Frauen, die in Großstadtgebieten lebten.

Die Erkenntnis ist besorgniserregend, sagen die Forscher, da „die Weiterführung der Screenings von Patienten, die älter sind und/oder eine begrenzte Lebenserwartung haben, mehr Schaden als Nutzen bewirken könnte.“

„Die Entwicklung von erfolgreichen Interventionen zur Lösung dieses Problems ist daher essenziell“, schreiben sie.

Die Studie wurde am 27. Juli online auf JAMA Network Open veröffentlicht.

Ärzte, Patienten und Gesundheitssysteme können – und sollten –  verändert werden, um das Überscreening auf ein Minimum zu reduzieren“, sagte die leitende Autorin Jennifer L. Moss, Ph.D., Assistenzprofessorin für Familien- und Sozialmedizin und Gesundheitswissenschaften am Penn State College of Medicine in Hershey, Pennsylvania.

„Es wird wahrscheinlich viele Veränderungen erfordern, um das Überscreening merkenswert zu verringern“, teilte sie Medscape Medical News mit.

Eine hilfreiche Veränderung wäre, wenn die Krankenversicherungen die Kostenerstattung für ein Screening oberhalb der empfohlenen Altersobergrenze einstellen würden, ergänzte sie. „Eine weitere Veränderung ist die, dass Ärzte evidenzbasierte Instrumente zur Verfügung haben, die in Gesprächen über das Beenden der Screenings Anleitung bieten würden, und zwar hinsichtlich der demografischen Daten des Patienten, des Gesundheitszustands und der Risiken und des Nutzen des Screening-Tests.“

Um einen Kommentar zu dieser Studie gebeten, merkte Nancy Schoenborn, MD, MHS, eine Lehrbeauftragte für Medizin in der Division of Geriatric Medicine and Gerontology an der Johns Hopkins University School of Medicine in Baltimore, Maryland, an, dass das Ergebnis eines starken Überscreenings nicht überraschend ist und mit früheren Arbeiten übereinstimme, die ähnliche Ergebnisse lieferten.

„Ein Wertstellungsmerkmal dieses Artikels ist, dass die Studie erst kürzlich durchgeführt wurde und bestätigt, dass das Problem des Überscreenings nach wie vor besteht“, sagte sie gegenüber Medscape Medical News. Schoenborn war nicht in die Studie eingebunden.

Was Ärzten in Bezug auf die Ergebnisse dieser Studie als ersten Schritt tun sollten, ist, laut einem Vorschlag von Schoenborn, anzuerkennen, dass Überscreening wahrscheinlich ein Problem ist, und „darüber nachzudenken, ob in der eigenen Praxis Fälle vorkommen, in denen ein Überscreening auftreten kann“.

In Bezug auf ihre eigene Arbeit fuhr Schoenborn fort: „Ich war kürzlich überrascht, dass nur eine beträchtliche Minderheit von Ärzten tatsächlich nicht glaubt, dass Überscreening bei älteren Erwachsenen ein Problem ist, und dass sie eine Reihe von Bedenken darüber haben, wie Überscreening definiert ist, und über unbeabsichtigte Konsequenzen, die infolge der Bemühungen zur Verringerung des Überscreening auftreten können.“

Sie ergänzte, dass es eine Reihe von Gründen gibt, warum ein Überscreening vorgenommen wird. Dazu gehören Unstimmigkeiten in Leitlinien, Beharrlichkeit, Forderungen von Patienten, Wissenslücken bei den Ärzten und Unbehagen bei Diskussionen über das Beenden. „Vieles ist in Arbeit, um jedes dieser einzelnen Probleme anzugehen, aber ich denke, der erste Schritt wäre der, dass der Arzt überhaupt erkennt und zustimmt, dass es sich um ein Problem handelt, das angegangen werden muss“, sagte sie.

Unnötiges Screening

Die Autoren merken an, dass sich die Schätzungen über die Prävalenz des Überscreenings nicht auf Landesebene bewegen, und dass es zudem unklar ist, wie unterschiedlich das Überscreening möglicherweise zwischen Subgruppen ist.

„Der Grund dafür, warum ich mich auf kolorektale, zervikale und Brustkarzinome konzentrierte, liegt darin, dass die USPSTF für diese Krebserkrankungen sehr klare, altersbasierte Empfehlungen darüber gibt, wer routinemäßig gescreent werden sollte und wer nicht“, erklärte Moss. „Das war wichtig, denn es ermöglichte mir und meinen Mitautoren, auf Grundlage des Alters klar zu sagen, dass die eine Person wahrscheinlich unnötig gescreent wurde und die andere Person nicht.“

Sie merkte an, dass die altersbasierten Empfehlungen für Routinescreening auf sehr großen klinischen Studien basieren, die die Effektivität des Screeninginstruments untersuchen. „Die Empfehlungen für das Screening auf Lungen- und Prostatakrebs sind nicht so klar umrissen, und wir konnten auf Basis der verfügbaren Daten der Umfrage nicht sagen, ob jemand übergescreent wurde“, sagte sie.

Für die Studie zog das Team Daten des Jahres 2018 aus dem Behavioral Risk Factor Surveillance System (BRFSS) der US-amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention heran.

Die Beurteilung eines Überscreenings wurde hinsichtlich Kolorektalkarzinom in einer Kohorte mit 20.937 Männern und 34.244 Frauen, hinsichtlich Zervixkarzinom bei 82.811 Frauen und hinsichtlich Brustkrebs bei 38.356 Frauen vorgenommen. Die meisten Teilnehmer lebten in Großstadtgebieten (etwa 80 %) und waren Weiße (etwa 80 %).

Ein Überscreening hinsichtlich Kolorektalkarzinom, Zervixkarzinom und Brustkrebs bei Frauen war in Großstadtgebieten häufiger als in nicht-großstädtischen Regionen (bereinigte Odds-Ratios [aOR]: 1,23, 1,20 bzw. 1,36).

Ein Überscreening auf Zervix- und Brustkrebs war außerdem assoziiert mit dem Vorhandensein einer regulären Anlaufstelle für medizinische Versorgung, guter/sehr guter/ausgezeichneter Gesundheit per Selbstauskunft, einem Bildungsstand über ein Hochschuldiplom hinaus und Verheiratetsein oder einer eheähnlichen Lebenssituation.

Die Studie wurde 2018 durchgeführt und die Situation hat sich wahrscheinlich in den letzten Monaten während der COVID-19-Pandemie verändert.

„Wir haben dramatische Rückgänge bei den routinemäßigen Krebsscreenings von Erwachsenen beobachtet, die aufgrund ihres Alters dafür in Frage kämen, weswegen sich ein Teil des Überscreenings bei älteren Erwachsenen wahrscheinlich verringern wird“, sagte Moss. „Staatliche und nationale Krebsüberwachungssysteme werden die Tendenzen beim Krebs-Screening weiter beobachten, einschließlich des Überscreenings, der Krebsinzidenz und der Krebsmortalität.“

Schoenborn von der Johns Hopkins sagte, ein Ergebnis von besonderem Interesse war, dass die Rate des Überscreenings hinsichtlich Kolorektalkarzinom bei Personen über 80 Jahren und bei Personen mit einem höheren Mortalitätsrisiko höher war. „Ich frage mich, ob dies auf die zunehmende Anwendung von nicht-invasiven Screening-Methoden für Kolorektalkarzinom zurückzuführen ist, wie z. B. dem immunchemischen Fäzes-Test (FIT) oder dem Darmkrebs-Schnelltest“, kommentierte Schoenborn. „Für Kliniker wäre es wichtig, die Folgeeffekte zu überdenken, selbst wenn der initiale Test ein geringes Risiko darstellt; z. B. benötigt der Patient eine Kolonoskopie, wenn der Stuhltest bereits positiv ist, und ist dies etwas, dem sich der Patient unterziehen kann und will?“

Die Studie wurde vom National Cancer Institute und der American Cancer Society finanziert.. Moss, Studienkoautoren und Schoenborn haben keine relevanten finanziellen Beziehungen offengelegt.

Der Artikel wurde ursprünglich auf Medscape.com veröffentlicht.