Verwerfungen in der Arzneimittelversorgung

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Die AOK hat am 17. November ihren Arzneimittel-Kompass vorgestellt. Mitherausgeber Helmut Schröder bringt das Ergebnis auf diesen Satz: „Es wird immer mehr Geld für eine immer geringere Versorgungsreichweite ausgegeben."

Schröder ist stellvertretender Geschäftsführer des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) und Mitherausgeber des Kompasses. Ihm zufolge wird das Ungleichgewicht zwischen dem Nutzen eines Medikamentes, hohen Preisen und den sich daraus ergebenden Einnahmen immer größer. Für neue Arzneimittel ohne nachgewiesenen Zusatznutzen gegenüber bereits vorhandenen Medikamenten hat die GKV seit 2012 rund 16,6 Milliarden Euro ausgegeben, heißt es bei der Pressekonferenz. 2021 waren es 3,8 Milliarden Euro.

Viel Geld für wenige

Laut Kompass sind die GKV-Nettoausgaben für Arzneimittel 2021 um 8,8 Prozent auf 50,2 Milliarden Euro gestiegen. Überdurchschnittliche Umsatzsteigerungen gebe es bei patentgeschützten Arzneimitteln (14,4 Prozent), Orphan Drugs (24,7 Prozent) und biologischen Arzneimitteln (12 Prozent). „Diese drei Marktsegmente zeichnen sich dadurch aus, dass sehr viel Geld für wenige Medikamente aufgebracht wird, von denen letztendlich wenige Menschen profitieren“, konstatiert Schröder.

Im vergangenen Jahr wurde mit patentgeschützten Arzneimitteln im GKV-Bereich ein Umsatz von 27,5 Milliarden Euro erwirtschaftet. Damit wurde mehr als jeder zweite Euro der Arzneimittelkosten in diesem Bereich ausgegeben (52,5 Prozent). Gemessen an verordneten Tagesdosen entfielen jedoch nur 6,5 Prozent der Versorgung auf patentgeschützte Medikamente. „Seit nunmehr zehn Jahren treiben damit insbesondere neue Arzneimittel das Umsatzwachstum, tragen aber gleichzeitig immer weniger zur Versorgung bei“, lautet das Fazit aus Kassensicht.

Einen besonderen Fokus legt der stellvertretende WIdO-Geschäftsführer in seinem Statement auf Orphan Drugs mit ihrem Kostenzuwachs gegenüber dem Vorjahr von 24,7 Prozent. Immerhin 13,5 Prozent aller Ausgaben entfielen auf diese Arzneimittel mit einem marginalen Verordnungsanteil nach Tagesdosen von gerade einmal 0,07 Prozent. Eine tägliche Behandlung mit einem Orphan Drug kostet Schröder zufolge durchschnittlich 213,53 Euro, die mit einem anderen Medikament hingegen nur 94 Cent. Gleichzeitig sei bei über zwei Drittel der Patientengruppen bisher kein oder nur ein nicht-quantifizierbarer Zusatznutzen nachgewiesen worden. Die im GKV-Finanzstabilisierungsgesetz (GKV-FinStG) enthaltene Senkung der Umsatzschwelle in Sachen AMNOG begrüßt daher Schröder. Allerdings bleibt für ihn unverständlich, warum die für die Versorgungsqualität wichtige Frage des „echten“ Zusatznutzens eines Arzneimittels an dessen Umsatzhöhe gekoppelt werde.

Wessen Kompass geht falsch?

Offizielle Reaktion seitens der Industrie oder ihrer Verbände auf die WIdO/AOK-Offensive sind spärlich. Der Verband der forschenden Pharma-Unternehmen (vfa) beklagt allerdings am gleichen Tag, dass mit dem GKV-FinStG der Arzneimittelkompass verloren gegangen und die Regulierungsschraube massiv überdreht worden sei. Dass der AOK-Bundesverband nach weitere Verschärfungen ruft, wo die geschluckte Kröte noch nicht verdaut ist, dürfte dem vfa übel aufstoßen.

Die einen Tag später, am 18. November, präsentierten AMNOG-Daten des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie zeigen, dass derzeit jedes achte Arzneimittel wieder den Markt verlässt, nachdem es das AMNOG durchlaufen hat. Und: Neue Arzneimittel, bei denen im Rahmen der frühen Nutzenbewertung Patientendaten zur Lebensqualität einfließen, werden insgesamt besser bewertet. „Der G-BA hat jedoch keineswegs alle eingereichten Lebensqualitäts-Daten berücksichtigt“, schreiben die Autoren, Prof. Dieter Cassel und Prof. Volker Ulrich. Im Durchschnitt liegt der Anteil an den eingereichten Lebensqualitäts-Daten bei 62 Prozent, in der Spitze bei 71 Prozent (2017).