Versorgungsengpässe – ein zunehmendes Thema

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Berlin (pag) – Ist die Arzneimittelversorgung der Patienten noch sicher? Mit dieser Frage beschäftigt sich das Symposium der Gesellschaft für Recht und Politik im Gesundheitswesen (GRPG). Geht so, scheint die Antwort zu lauten, denn Experten warnen vor zunehmenden Liefer- und Versorgungsengpässen. Dabei spielt auch das Thema angemessener Preise eine Rolle.

 

Prof. Frank Dörje, Präsident des Bundesverbandes Deutscher Krankenhausapotheker, stellt fest: Versorgungsengpässe seien „kein abnehmendes, sondern ein zunehmendes Thema“. Auch Dr. Michael Horn, Abteilungsleiter beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), meint, dass Lieferengpässe zunehmend zu Versorgungsproblemen führen.

Europa zahlt schlechte Preise

Einfache Lösungen gibt es keine, das Problem ist multikausal. Auf der Veranstaltung werden unter anderem folgende Schlagwörter genannt: Globalisierung, Konzentration von Produktionsstätten, GMP-Mängel, steigender Bedarf. Dörje, der die Apotheke des Universitätsklinikums Erlangen leitet, geht in seinem Vortrag auch auf globale Preisdifferenzen ein, als konkretes Beispiel nennt er polyvalente Immunglobuline. Diese seien auf dem Weltmarkt ein knappes Gut – „und es ist eben so, dass Europa schlechte Preise zahlt“. Die Folge: Die Pharmafirmen allozierten die Mengen dort, wo der Markt besser ist. Der US-Markt und der chinesische Markt nehmen mehr auf als Europa, berichtet Dörje. „Wir haben einen Weltmarkt, den wir alle gemeinsam machen“, betont er und appelliert: „Wenn wir mit Kampfpreisen arbeiten, dann müssen wir über Risiken und Nebenwirkungen sprechen.“

Aufwendige Arzneimittelumstellungen

Die Nebenwirkungen dieser Entwicklung bekommen Krankenhäuser deutlich zu spüren, sie haben bei Versorgungsengpässen mit Arzneimittelumstellungen zu kämpfen. Damit verbunden ist ein, so Dörje, hoher und aufwendiger Informationsbedarf. Eine multizentrische Studie hat die Prozesskosten von Arzneimittelumstellungen ermittelt: Bei namensgleichen, generischen Umstellungen schlagen diese mit 1.900 Euro zu Buche, bei generischen Umstellungen mit Änderung der Produktbezeichnung liegen die Kosten bei rund 3.700 Euro und bei komplexen Umstellungen, etwa mit Umstellung des Wirkstoffes, bei 7.400 Euro.

Dem Experten zufolge wirken sich Lieferengpässe unmittelbar auf die Arzneimitteltherapiesicherheit aus. „Jede Umstellung, die nicht gewünscht ist, ist eine zu viel.“ Es müsse daher bei der Organisation viel Sorge getragen werden, dass der Umstellungsprozess ohne Patientenschaden abläuft. Zur Einordnung: Im Klinikum rechts der Isar sind im vergangenen Jahr (Stichtag 4. Oktober) 133 Lieferengpässe aufgetreten, das sind mehr als drei pro Woche.

Betrachtet man die Lieferengpässe nach Art der Darreichungsform sind Dörje zufolge insbesondere Injektionen (44,4 Prozent) und Infusionen (27,8 Prozent) betroffen. Diese werden hauptsächlich bei hochkritisch Kranken eingesetzt, erläutert der Krankenhausapotheker. Er fordert unter anderem eine Lagerhaltungsverpflichtung für Pharmaunternehmen sowie eine Meldepflicht für das BfArM-Register.

Der Sonder-Jour-Fixe

Das Bundesinstitut ist intensiv mit Versorgungsengpässen befasst. Es leitet unter anderem den Jour Fixe, der die Versorgungssituation bewertet. Mittlerweile gab es neun reguläre Sitzungen, die nächste ist Ende Juli. BfArM-Abteilungsleiter Horn erwähnt in seinem Vortrag insbesondere eine Sondersitzung zur Verbesserung der Lieferfähigkeit versorgungsrelevanter Basistherapeutika in Kliniken, die im März vergangenen Jahres stattgefunden hat.

Zur Vorgeschichte dieses Sondertreffens: Bereits bei der 3. Jour-Fixe-Sitzung im Jahr 2017 diskutierten die Teilnehmer über den Zusammenhang zwischen den sehr niedrigen Preisen für Basistherapeutika – vor allem Antibiotika – und Lieferengpässen. Konsens der beteiligten Krankenhausapotheker, der Deutschen Krankenhausgesellschaft sowie der Pharmaverbände sei gewesen, dass zu günstig eingekauft werde, berichtet Horn. „Die Zitrone ist so ausgedrückt, dass Lieferausfälle programmiert sind.“ Im Protokoll heißt es dazu: „Sowohl die Vertreter der ‚Krankenhausseite‘ als auch die pharmazeutische Industrie sahen einen Mehrwert mit dem Resultat einer verbesserten Lieferfähigkeit eines Arzneimittels, wenn als Ausgleich für die Sicherstellung robusterer Produktionsketten eine bessere Planbarkeit für einen angemessenen Preis geboten wird, z. B. durch vereinbarte Abnahmesicherheiten.“

Wider den Trend zu Monopolisierung und Oligopolisierung

Es bleibt nicht bei der Feststellung. Bei der Sondersitzung im vergangenen Jahr erarbeiten die Teilnehmer Empfehlungen zur Einkaufs- und Vertragspraxis. Diese sollen dazu beitragen, Engpässe zu vermeiden. Die Empfehlungen sind Horn zufolge derzeit noch im Abstimmungsprozess. Es geht um die Schaffung robuster Lieferketten und angemessene Preise. „Wir müssen den Trend der Monopolisierung und Oligopolisierung durch vertragliche Maßnahmen zurückdrängen“, appelliert Horn. Er will sich seine Naivität nicht nehmen lassen, „dass wir durch unser Handeln dafür Sorge tragen, dass wir eine stabile Versorgung haben und nicht von einzelnen wenigen Produktionsstätten abhängig sind“.