Verkehrssicherheit: Nach der ersten Synkope besteht bei Autofahrern noch kein erhöhtes Unfallrisiko

  • Dr. Nicola Siegmund-Schultze
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Patienten, die erstmals wegen einer Synkope eine Notaufnahme aufgesucht haben, verursachen nicht häufiger Verkehrsunfälle als Menschen, die aus anderen Gründen in die Notaufnahme kamen. Damit besteht keine Notwendigkeit, Leitlinien zur Fahreignung, wie sie in Deutschland gelten, zu verschärfen.

Hintergrund
Synkopen sind häufig und machen 3 bis 4 % der Notaufnahmen aus. Das Ereignis ist definiert als vorübergehender Bewusstseinsverlust infolge einer zerebralen Hypoperfusion mit raschem Einsetzen, kurzer Dauer und spontaner, vollständiger Erholung (1). Synkopen können als epileptischer Anfall fehldiagnostiziert werden. Oft lösen Herzrhythmusstörungen (Bradykardien oder Tachykardien) Synkopen aus, es gibt aber auch reflexvermittelte und orthostatisch bedingte Synkopen. Zu der verkehrsmedizinisch relevanten Frage, ob Synkopen bei Auto- und Motorradfahrern vermehrt zu Unfällen führen, gibt es bislang widersprüchliche Daten. Eine große, populationsbasierte Beobachtungsstudie an 6 Notfallkrankenhäusern kanadischer Großstädte liefert neue Ergebnisse (2).

Design

  • Studienform: populationsbasierte, retrospektive Kohortenstudie an 6 Notfallzentren in British Columbia, Kanada.
  • Studienkohorte: Patienten, die erstmals wegen einer Synkope eine Notfallambulanz aufgesucht hatten.
  • Kontrollkohorte: Patienten, die aus anderen Gründen als kurzzeitigem Bewusstseinsverlust durch Synkopen dieselben Notfallambulanzen in denselben Zeiträumen (Mai 2020 bis März 2022) aufgesucht hatten;
    • Verhältnis der Patienten in der Studien- zur Kontrollkohorte 1 : 4.
  • Analysebasis: Kombination medizinischer Daten mit den Daten von Autoversicherungen und Polizeiberichten zu tödlichen Unfällen.
  • Endpunkt: Unfallfreies Überleben der Patienten in der Kohorte mit einer ersten Synkope und den gematchten Kontrollpatienten.

Hauptergebnisse

  • Es wurden 43.589 Patienten eingeschlossen: 9.223 mit einer ersten Synkope und 34.366 Kontrollpatienten.
  • Das mediane Alter lag bei 54 Jahren, 51,3 % waren Frauen.
  • Innerhalb von 12 Monaten nach den Index-Notaufnahmen ereigneten sich 846 erste Unfälle in der Gruppe mit Synkope und 3.457 erste Unfälle in der Kontrollgruppe.
  • Die Unfallhäufigkeit unterschied sich zwischen den Gruppen in diesem Zeitraum nicht signifikant (adjustierte Hazard Ratio [aHR] Studien- vs. Kontrollgruppe: 0,93; p = 0.07).
  • Auch innerhalb der ersten 30 Tage nach Notfallaufnahme gab es keine signifikanten Differenzen (aHR: 1,07; p = 0,56).
  • Dies galt auch bei den Subgruppen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer wie Alter > 65 Jahre und kardiogene Synkopen.

Klinische Bedeutung
Es gibt nach Ansicht der Autoren keine medizinischen Gründe dafür, Patienten nach einer ersten Synkope als ungeeignet für das Fahren eines Kraftrads oder PKW einzustufen. International seien die Empfehlungen und Rechtsprechung zu dieser Frage aber uneinheitlich.

Grundsätzlich ist der behandelnde Arzt verpflichtet, seine Patienten über eine fehlende Fahreignung durch eine Erkrankung in seinem Fachgebiet zu informieren (3). Das Unterlassen einer solch notwendigen Information gilt als Behandlungsfehler.

Die aktuellen Leitlinien zur Fahreignung, die in Deutschland gelten, sehen nach einer ersten Synkope bei Privatfahrern im Allgemeinen keine Einschränkung für die Fahreignung und bei Berufsfahren nur dann, wenn ein hohes Rezidivrisiko besteht (4, 5). Tritt eine weitere Synkope auf, sollte eine erneute Diagnostik erfolgen und sich ein Privatfahrer frühestens nach 6 Monaten wieder ans Steuer oder aufs Motorrad setzen. Berufsfahrer sollten dann nicht mehr fahren. In jedem Fall aber seien Einzelbeurteilungen erforderlich.

Finanzierung: öffentliche Mittel.