Veränderte Entwicklung des Kortex und weniger Psychosen unter Folsäure-Supplementation


  • Michael Simm
  • Studien – kurz & knapp
Der Zugang zum gesamten Inhalt dieser Seite ist nur Angehörigen medizinischer Fachkreise vorbehalten. Der Zugang zum gesamten Inhalt dieser Seite ist nur Angehörigen medizinischer Fachkreise vorbehalten.

Kernbotschaften

Der Vergleich der Hirnentwicklung mittels Magnetresonanztomographie (MRT) legt nahe, dass die Supplementierung von Lebensmitteln mit einer veränderten Entwicklung der Großhirnrinde einhergeht, und diese wiederum zu einem verringerten Risiko für Psychosen bei Jugendlichen führen könnte.

Hintergrund

Weltweit praktizieren 81 Länder die Anreicherung von Mehl und anderen Getreideprodukten mit Folsäure, um der Entwicklung von Neuralrohrdefekten  vorzubeugen, schreiben die Autoren. Darüber hinaus legten epidemiologische Daten einen Einfluss der Folsäureversorgung auch auf schwere psychische Krankheiten nahe – eine Assoziation, die mit der aktuellen Studie näher untersucht wurde.

Design

Retrospektive Beobachtungsstudie einer klinischen Kohorte von 292 Jugendlichen zwischen 8 und 18 Jahren in Boston, die in einem Zeitraum von 3,5 Jahren vor bzw. nach der Einführung der Folsäure-Anreicherung von Lebensmitteln in den USA geboren wurden. Dies erlaubte es, die Studienteilnehmer in drei Gruppen zu unterteilen: Solche mit, ohne und mit partieller zusätzlicher Folsäure-Exposition. Gemessen wurde die kortikale Reifung mittels MRI. Zur Replikation und Erweiterung der Ergebnisse wurden zwei weitere Kohorten mit insgesamt 1078 Jugendlichen untersucht, die während (Philadelphia-Kohorte) oder vor (NIH-Kohorte) der Folsäuresupplementierung geboren wurden.

Hauptergebnisse

  • Bei den Jugendlichen aus der Boston-Kohorte, die bereits im Mutterleib mehr Folsäure bekommen hatten, war der Kortex in der Stirn- und Schläfenregion bilateral um 9,9 bis 11,6 % dicker (P=0,03). Gleichzeitig fand sich die bereits aus früheren Untersuchungen bekannte Verdünnung des Kortex in der Schläfen- und Scheitelregion des Kortex mit zunehmendem Alter (P=0,002).
  • In der Philadelphia-Kohorte fand man ebenfalls und in ähnlichen Regionen die zeitverzögerte altersabhängige Verdünnung des Kortex (P=0,02). Dieses flachere Verdünnungsprofil korrelierte in dieser Kohorte mit einer niedrigeren Wahrscheinlichkeit für Erkrankungen des psychotischen Spektrums (Chancenverhältnis OR 0,37 – 0,59, P
  • In der NIH-Kohorte, die erst nach der Einführung der Folsäure-Supplementierung geboren wurde, verdünnte sich der Kortex in allen untersuchten Regionen schneller als in der Boston- und Philadelphia-Kohorte.

Klinische Bedeutung

Obwohl die Autoren vorsichtig nur von Assoziationen reden, sind die Daten zur veränderten Reifung der Großhirnrinde bei mehr als 1300 Jugendlichen überzeugend;  und es ist plausibel, dass die Folsäure-Supplementation die Ursache dieser Veränderung ist. Die Möglichkeit, dass diese Maßnahme nicht nur Neuralrohrdefekte verhindern kann, sondern eventuell auch die Entstehung von Krankheiten des psychotischen Spektrums sollte auch in Deutschland Beachtung finden. Hier hat man bislang auf Ernährungsempfehlungen gesetzt, wobei die meisten Frauen im gebärfähigen Alter den Referenzwert der WHO nicht erreichen.

Finanzierung: MQ: Transforming Mental Health, National Institutes of Health.