US-Leitlinie für Bluthochdruck bietet Patienten keine Vorteile


  • Dr. med. Thomas Kron
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Hypertonie-Patienten profitieren nicht von den niedrigen Schwellenwerten der US-Leitlinie zum Bluthochdruck. Die tiefere Schwelle für eine antihypertensive Therapie schützt nicht vor tödlichen Herzerkrankungen. Sie könnte sogar der Psyche der Patienten schaden.

Hintergrund

Der US-Leitlinie zufolge besteht bereits ab Werten von 130 und 80 mmHg eine Indikation zur antihypertensiven Therapie. Fachgesellschaften in Europa haben diese niedrige Therapieschwelle nicht übernommen. Laut den Empfehlungen der  „European Society of Cardiology“  besteht zwingender medikamentöser Behandlungsbedarf erst ab 140/90 mmHg.

„Die Idee hinter den US-Leitlinien ist, Bluthochdruck möglichst früh zu senken und durch die Diagnose einer Erkrankung Patienten zu motivieren, gesünder zu leben“, erläutert Prof. Karl-Heinz Ladwig, Forscher an der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie des TUM-Universitätsklinikums. Anhand von Daten von knapp 12.000 Patienten haben Ladwig und sein Team sich ein Bild der Situation in Deutschland verschafft. „Wir haben untersucht, wie hoch innerhalb eines Zeitraumes von zehn Jahren das Risiko für Menschen in den verschiedenen 'Blutdruck-Kategorien' war, an einer Herz-Kreislauferkrankung zu sterben und welche anderen Risikofaktoren jeweils vorlagen“, sagt Seryan Atasoy, Erstautorin der Studie und Epidemiologin am Helmholtz Zentrum München und der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Design

Für die Untersuchung wählten die Autoren die Population der MONICA/KORA-Studie (n = 11.603; 52% Männer, 48% Frauen; Durchschnittsalter 47,6 Jahre). Untersucht wurde vor allem, welchen Einfluss auf die kardiovaskuläre Mortalität die geringen US-Schwellenwerte für eine antihypertensive Therapie im Vergleich zu den höheren Werten der europäischen Fachgesellschaften haben.

Hauptergebnisse

  • Patienten mit einem „Bluthochdruck-Stadium 1“ (130 - 139/80 - 89 mmHg) gemäß der US-Leitlinie haben den Berechnungen  der Autoren zufolge kein höheres kardiovaskuläres Sterberisiko als Patienten mit normalem Blutdruck. Die adjustierte kardiovaskuläre Sterberate pro 1000 Personen betrug 1,07 (95% CI 0,71–164). 
  • Bei Wahl der europäischen Schwellenwerte (140/90 mmHg) ergab sich dagegen eine deutlich erhöhte Sterberate (1,61; CI 1,10–2,25].
  • „Auch der Motivations-Effekt ist fraglich“, sagt Karl-Heinz Ladwig. Denn trotz derv Diagnose ändern viele Patienten ihre Lebensweise nicht. Risikofaktoren wie Rauchen und Bewegungsmangel bleiben ausgeprägt.
  • Während Menschen mit gefährlichem Bluthochdruck grundsätzlich seltener depressiv waren als andere, lag der Wert bei einer Teilmenge deutlich höher: Bei 47 Prozet der Patienten, die wegen des gefährlichen Bluthochdrucks Medikamente nahmen, wurden depressive Stimmungslagen festgestellt. Das war nur bei etwa einem Drittel der Nicht-Behandelten der Fall.

Klinische Bedeutung

Die Studie spricht für die Entscheidung der Fachgesellschaften in Europa, die Bluthochdruck-Definition der US-Leitlinie nicht zu übernehmen. 

Zum einen wird bei einer aggressiveren Therapie-Indikation die kardiovaskuläre Mortalität nicht reduziert. Zum anderen wird die Motivation der Betroffenen, einen schädlichen Lebensstil aufzugeben, nicht erhöht. Darüber hinaus fördert eine antihypertensive Therapie vielleicht sogar depressive Stimmungen. „Wir nehmen an, dass es sich um einen Labeling-Effekt handelt“, sagt Ladwig. „Wird man offiziell mit dem Etikett 'krank' versehen, wirkt sich das auf die psychische Gesundheit aus.“ Dies ist auch für Herz und Gefäße ein mögliches Risiko, wie bereits mehrere Studien gezeigt haben. 

„Das American College of Cardiology selbst hat errechnet, dass der Anteil der Erwachsenen mit der Diagnose Bluthochdruck durch die neue Leitlinie von 32 auf 46 Prozent steigt“, sagt Karl-Heinz Ladwig. „14 Prozent werden also zusätzlich psychischem Druck ausgeliefert – ohne dass für sie eine signifikant höhere Gefahr bestehen würde, eine tödliche Herz-Kreislauferkrankung zu entwickeln und ohne, dass eine Motivationswirkung der Diagnose zu erwarten wäre.“ 

Finanzierung: Bundesministerium für Bildung und Forschung, Munich Heart Alliance