Unterschätztes Risiko: Langzeitfolgen der Entfernung von Gaumen- und Rachenmandeln


  • Nicola Siegmund Schultze
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Eine Entfernung der Gaumenmandeln (Tonsillektomie) und/oder eine Entfernung der Rachenmandeln (Adenoidektomie) bis zum 9. Lebensjahr ist einer großen dänischen Registerstudie zu Folge mit einem 2-3-fach erhöhten Risiko für Infektionen der oberen Atemwege im Verlauf von 30 Lebensjahren assoziiert. In Relation zum unoperierten, natürlichen Zustand steigt auch das Risiko für allergische Erkrankungen wie Asthma.

 

Hintergrund
Eine Entfernung der Gaumenmandeln  oder der Rachenmandeln  oder eine Adenotonsillektomie mit Entfernung von Gaumen- und Rachenmandeln ist ein vergleichsweise häufiger Eingriff zur Behandlung von Kindern mit Schlafstörungen oder chronischen Mandelentzündungen. Bekannt sind vor allem perioperative Risiken wie postoperative Schmerzen oder Nachblutungen. Seit Langem aber vermuten Forscher, dass die Entfernung der Mandeln als sekundär lymphatische Organe auch Folgen für die Immunregulation haben kann. Der Frage nach immunologischen Langzeitfolgen sind dänische Forscher in einer großen Registerstudie nachgegangen.

Design

  • retrospektive Registerstudie mit mehr als 60.000 operierten Kindern: 17.460 Adenoidektomie, 11.830 Tonsillektomie, 31.377 Adenotonsillektomie
  • Kontrollgruppe: 1.157.684 nicht operierte Personen der Geburtsjahrgänge 1979-2009
  • Beobachtung der Gruppen bis zum 30. Lebensjahr

Hauptergebnisse
Nach Adenoidektomie und Tonsillektomie erhöhte sich das Risiko für Infektionen der oberen Atemwege bis zum 30. Lebensjahr um den Faktor 1,99 (Adenoidektomie; number-needed-to-harm: 9) und 2,72 (Tonsillektomie; number-needed-to-harm: 5). Die number-needed-to-harm lag für Asthma bei 38. Auf 38 Adenoidektomien kam also ein zusätzlicher Asthmapatient (1).

Klinische Bedeutung
Bekannt sind die potenziellen perioperativen Risiken der Entfernung von Gaumen- und Rachenmandeln, Nachblutungen können lebensbedrohlich sein. Langzeitfolgen aber werden nach Meinung der Autoren möglicherweise unterschätzt. Es sind vor allem Infektionen der oberen Atemwege und Asthma. Auch diese gelte es, bei der Frage der Indikationsstellung abzuwägen.

Mandelentzündungen sind mit circa 100000 Erkrankungen pro Jahr in Deutschland häufig. In der aktuellen Leitlinie zur Therapie entzündlicher Erkrankungen der Gaumenmandeln – Tonsillitis wird erst nach drei bis fünf Episoden empfohlen, die Mandelentfernung als mögliche Option zu sehen, wenn sich innerhalb der nächsten sechs Monate weitere Episoden ereignen sollten und die Zahl sechs erreicht wird (2). Eine Teilentfernung der Mandeln (Tonsillotomie) sei ungefährlicher.

Finanzierung der dänischen Studie: öffentliche Mittel