Unstatistik des Monats: Weltsensation – Bluttest erkennt Brustkrebs


  • Dr. med. Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaften

Die so genannte „Unstatistik“ des Monats Februar ist eine Pressemitteilung der Universitätsklinik Heidelberg. Sie berichtet über einen neuen „marktfähigen“ Bluttest für Brustkrebs, der eine Trefferrate (Sensitivität) von 75 Prozent hat. Nicht angegeben ist die Falsch-Alarm-Rate (Spezifität). Sie macht die Trefferrate jedoch erst aussagekräftig.

Der Bluttest

Heidelberger Forscher gaben vor wenigen Tagen der „BILD-Zeitung“ ein Exklusiv-Interview, woraufhin dann eine Meldung mit der Überschrift „Neuer Bluttest erkennt zuverlässig Brustkrebs - Warum dieser Test eine Weltsensation ist“ erschien. Auch das „ZDF“ berichtete über diese angebliche „Weltsensation“. Die Heidelberger Wissenschaftler bezeichneten den auf dem Liquid-Biopsy-Prinzip basierenden Bluttest auch als „Meilenstein“. Beim Liquid-Biopsy-Verfahren werden Informationen über eine Erkrankung aus Körperflüssigkeiten wie Blut, Urin oder Speichel gewonnen, indem Botenstoffe von Tumorzellen in einer Flüssigprobe untersucht werden. Für den Test sind nur wenige Milliliter Blut notwendig. Der Test kann bei Frauen aller Altersgruppen durchgeführt werden; besonders profitieren laut der Mitteilung der Universität Heidelberg jüngere Frauen unter 50 Jahren und Frauen mit familiärer Hochrisikosituation für Brustkrebs. Laut der Pressemitteilung wurde der Bluttest an über 900 Frauen erprobt, von denen über 500 Brustkrebs-Patientinnen waren. Bei 75 Prozent der Frauen mit Brustkrebs war der Test positiv (richtig positiv), bei 25 Prozent dieser Frauen wurde der Krebs übersehen (falsch negativ). Bei den unter 50‑jährigen Frauen habe die Sensitivität sogar 86 Prozent betragen, bei den über 50-jährigen hingegen nur 60 Prozent.

Die Kritik

Nach üblichen wissenschaftlichen Standards veröffentlichen Forscher zuerst eine Studie in einer Fachzeitschrift, die dort begutachtet wird, und gehen erst dann an die Publikumspresse. Beim Bluttest wurde dieser Standard nicht eingehalten. Eine wissenschaftliche Veröffentlichung in einem Journal mit Peer-Review-Verfahren liegt nicht vor. Außerdem fehlen Angaben zur Falsch-Positiv-Rate, die angibt, wie oft bei Gesunden eine bestimmte Krankheit diagnostiziert wird (in diesem Fall Brustkrebs bei Frauen, die in Wirklichkeit kein Mamma-Karzinom haben). 

Ein einfaches Beispiel verdeutlicht, warum die Trefferrate allein nicht zeigt, wie gut ein Test ist. Nehmen wir eine Gruppe von Frauen, 10 mit Krebs und 100 ohne Krebs. Man kann eine Trefferrate von 100 Prozent erreichen, wenn man einfach bei jeder Frau Verdacht auf Krebs feststellt. Diese Methode „erkennt“ alle Frauen mit Brustkrebs, aber alle 100 Frauen ohne Krebs erhalten fälschlicherweise einen verdächtigen Befund. Mit dieser Methode würde man keinen einzigen Krebs übersehen, hätte aber eine Falsch-Alarm Rate von 100 Prozent. Eine Trefferrate von 100 Prozent wäre dagegen beeindruckend, wenn zugleich die Falsch-Positiv Rate bei 1 Prozent läge. Dieser Test würde alle Frauen mit Brustkrebs richtig erkennen, und nur eine der Frauen ohne Brustkrebs würde fälschlicherweise alarmiert. Eine Trefferrate kann man also nur bewerten, wenn man die Falsch-Alarm Rate kennt.

Datenlage noch unzureichend

Kritik haben auch Brustkrebs-Spezialisten geäußert: „Der Test ist sicher spannend. Allerdings muss dieser nun umfangreich validiert werden an einer größeren Patientenzahl“,  so die Düsseldorfer Gynäkologin Tanja Fehm in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“.  „Was macht man, wenn der Test positiv ist, aber man findet dann nichts? Bei 25 Prozent ist der Test negativ. Hier ist das Problem, dass sich die Patientinnen und der Arzt in falscher Sicherheit wiegen könnten“, wird Lehm in der Tageszeitung zitiert. Auch die Tübinger Fachärztin für Humangenetik, Saskia Biskup, sei skeptisch, heißt es weiter: „Wir warten alle händeringend auf so einen Test“, aber die Sensitivität des Heidelberger Tests sei niedrig und die Datenlage noch viel zu lückenhaft.

Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer (Essen) jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen.