Umbrella-Review: Sicherheit von SSRI möglicherweise größer als angenommen

  • JAMA Psychiatry

  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Die meisten mutmaßlichen gesundheitsschädlichen Effekte bei einer Therapie mit Serotonin-Wiederaufnahme-Inhibitoren (SSRI) sind wissenschaftlich nicht ausreichend belegt. Insbesondere liegen keine Beweise für Kausal-Zusammenhänge vor. 

Hintergrund

Seit es Antidepressiva gibt, wird über ihre Wirksamkeit und auch Sicherheit diskutiert. Ein Grundproblem, auf das Kritiker immer wieder hinweisen, ist die Tatsache, dass viele klinische Studien mit positiven Ergebnissen nur von relativ kurzer Dauer waren und zumeist von den Herstellern finanziert wurden.  Es gibt zwar positive Metaanalysen, aber auch solche, die an der Wirksamkeit der Präparate zweifeln lassen. Erschwert wird die Beurteilung zudem dadurch, dass es eine Vielzahl von Beobachtungsstudien mit unterschiedlichen Ergebnissen auch zur Sicherheit der Antidepressiva gibt. Beobachtungsstudien können aber stark verzerrte Ergebnisse liefern. Eine Methode, um Verzerrungen zu minimieren, sind so genannte Umbrella-Reviews oder Metaanalysen von Metaanalysen.

Design

Metaanalyse von 45 Metaanalysen aus 4471 identifizierten Studien und 252 untersuchten Volltextartikeln. Gefragt wurde nach der statistischen Stärke von beobachteten Assoziationen zwischen Antidepressiva und unerwünschten gesundheitlichen Effekten. Insgesamt wurden 120 Assoziationen beschrieben.

Hauptergebnisse 

1. Vierundsiebzig (61,7%) der 120 Assoziationen waren mit  p ≤ 0,05 nominal statistisch signifikant. Zweiundfünfzig Assoziationen (43,4%) wiesen eine große Heterogenität auf, wohingegen bei 17 Assoziationen (14,2%) geringfügige Studieneffekte und bei 9 Assoziationen (7,5%) eine übermäßige Signifikanzverzerrung festgestellt wurden.

2. Aus Haupt- und Sensitivitätsanalysen ergaben sich überzeugende Belege für einen Zusammenhang zwischen SSRI-Konsum und einem erhöhten Risiko für 

  • Suizid-Versuche und Suizide bei Kindern und Jugendlichen sowie 
  • für Autismus-Spektrum-Störungen bei Antidepressiva-Exposition vor und während der Schwangerschaft.

3. Diese Assoziationen waren nach einer weiteren statistischen Analyse, bei der sogenannte indikationsbedingte Verzerrungen berücksichtigt wurden, nicht mehr vorhanden. 

Klinische Bedeutung

Die Ergebnisse dieser Studie deuten darauf hin, dass die meisten mutmaßlichen gesundheitsschädlichen Folgen des Einsatzes von SSRI wissenschaftlich nicht durch überzeugende Beweise gestützt werden. Auf keinen Fall gibt es Belege für kausale Zusammenhänge. Die Therapie mit Antidepressiva scheint, wie die Autoren schlussfolgern, demnach sicher zu sein; weitere Studien seien jedoch erforderlich.

Finanzierung: NIHR Biomedical Research Centre at South London und Maudsley NHS Foundation Trust and King’s College London