Übergewicht: Auch der Botenstoff Dopamin ist offenbar beteiligt


  • Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaft

Das Verlangen von Menschen nach Nahrungsaufnahme ist eng mit der Ausschüttung von Dopamin verbunden. Ob sich Adipositas durch die Kontrolle der Dopamin-Freisetzung verhindern lässt, ist derzeit allerdings noch unklar. 

Hintergrund

Dass es eine Darm-Hirn-Connection gibt, ist bereits mehrfach festgestellt und beschrieben worden, meist bei Untersuchungen des Zusammenhangs zwischen Darmflora und zerbralen Erkrankungen. Einen weiteren Hinweis haben nun Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für Stoffwechselforschung in Köln gefunden. In diesem Fall geht es es um die Regulation des Essverhaltens. Womit bekanntlich einige Menschen erhebliche Probleme haben, wie die wachsende Zahl der Übergewichtigen und Adipösen zeigt. Aber offenbar sind Menschen, wenn es um die Nahrungsaufnahme geht, nur noch bedingt Herr ihrer selbst, wie die Forschungsbefunde der Wissenschaftler zeigen. 

Design

In ihren Untersuchungen sind Forschungsgruppenleiter Marc Tittgemeyer und Heiko Backes der Frage nachgegangen, wie die Nahrungsaufnahme im Körper eigentlich kontrolliert wird. Eine wichtige Rolle bei der Kontrolle der Nahrungsaufnahme spielt im Gehirn Dopamin. Dieser wichtigste Botenstoff des Belohnungssystems wird ausgeschüttet, wenn zum Beispiel lang angestrebte Ziele erreicht werden und ein Verlangen oder die unmittelbare Aussicht auf Belohnung uns zu einer Handlung motivieren. In ihren Untersuchungen haben die Wissenschaftler freiwilligen Studienteilnehmern Milchshakes angeboten und parallel dazu mit einer neuartigen Methode (fMRI plus [11C]raclopride PET) die Ausschüttung von Dopamin im Gehirn gemessen.

Hauptergebnisse

Die Messergebnisse zeigen, dass das Gehirn bereits die ersten Dopamin-Moleküle ausschüttet, wenn die Teilnehmer den Shake im Mund schmecken. Sobald das Getränk den Magen erreicht, wird erneut Dopamin freigesetzt. „Frühere Experimente mit Mäusen haben ergeben, dass es dem Gehirn gemeldet wird, wenn Nahrung den Magen erreicht. Unsere Ergebnisse zeigen, dass dies auch beim Menschen geschieht und, darüber hinaus, welche Hirnareale dabei beteiligt sind“, erklärt Tittgemeyer. 

Die Forscher haben zudem einen Zusammenhang zwischen dem subjektiven Verlangen und der Dopamin-Ausschüttung festgestellt: Die Gehirne von Teilnehmern, die ein besonderes Verlangen nach einem Milchshake hatten, setzten mehr Dopamin frei, wenn das Getränk im Mund war. Sobald es aber den Magen erreichte, wurde weniger Dopamin ausgeschüttet. „Unsere Daten zeigen, dass unser Verlangen eng mit Dopamin verbunden ist. Bleibt die zweite, durch den Magen vermittelte Dopamin-Freisetzung aus, essen wir möglicherweise weiter, bis diese erfolgt“, erläutert Backes. 

Die Nahrungsaufnahme dient in erster Linie der Versorgung des Körpers mit Energie und Nährstoffen. Idealerweise stehen Energieverbrauch und Nahrungsaufnahme im Gleichgewicht. Nahrung besitzt allerdings auch einen Belohnungswert: „Wenn die Belohnungssignale stärker als das Gleichgewichtssignal sind essen wir mehr als notwendig. Dies kann dann zu Übergewicht und Fettleibigkeit führen“, sagt Backes.

Klinische Bedeutung

Lässt sich Fettleibigkeit also durch die Kontrolle der Dopamin-Freisetzung verhindern? „So leicht ist das leider nicht“ antwortet Tittgemeyer. „Wie unsere Körpersignale unsere Handlungen beeinflussen, und wie man z.B. durch kognitive Kontrolle darauf Einfluss nehmen kann, das ist noch nicht wirklich verstanden. Da ist noch einiges an Forschung nötig.“ Außerdem: eine erfolgreiche Kontrolle des Ernährungsverhaltens ist nur ein Ansatz, um die „Adipositas-Epidemie“ in den Griff zu bekommen. Ein weiterer wichtiger Ansatz sind Maßnahmen gegen die so genannten „obesogenen“, also dickmachenden Faktoren in der Umwelt. 

Die Forschungsarbeit wurde in Kooperation mit dem CECAD durchgeführt. Finanzierung: u.a. Deutsche Forschungsgemeinschaft und Deutsches Zentrum für Diabetes Forschung