Typ-1-Diabetes: Gute Therapie hängt vom Wohnort ab

  • Diabetes Care

  • von Karl-Heinz Patzer
  • Medizinische Nachrichten
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Die Therapie von Typ-1-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen unter 20 Jahren in Deutschland ist abhängig vom Wohnort der Patienten. In sozioökonomisch schwächeren Regionen weisen die Betroffenen einen höheren Blutzuckerwert (HbA1c) auf und entwickeln häufiger Übergewicht. Außerdem werden seltener Insulinpumpen und lang wirkende Insulinanaloga eingesetzt. Das zeigt eine Studie eines Forscherteams des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung (DZD) in Düsseldorf, München/Neuherberg und Ulm, die jetzt in der Zeitschrift "Diabetes Care" der American Diabetes Association (ADA) veröffentlicht wurde. An der Untersuchung beteiligt waren das Institut für Epidemiologie und Medizinische Biometrie (ZIBMT) der Universität Ulm, das Institut für Biometrie und Epidemiologie des Deutschen-Diabetes-Zentrums und das Institut für Gesundheitsökonomie und Management im Gesundheitswesen des Helmholtz Zentrum München (IGM). Eine finanzielle Förderung ist nicht genannt.

Studiendesign

Für die Studie wurden die Daten der Diabetes-Patienten-Verlaufsdokumentation (DPV) von 29.284 Patienten unter 20 Jahren genutzt und ausgewertet. Untersucht wurde unter anderem, wie häufig eine Pumpentherapie, eine kontinuierliche Gewebeglukosemessung (CGM) und schnell oder lang wirkende Insulin-Analoga eingesetzt werden.  Neben der Art der Therapie wurden auch Therapieergebnisse untersucht. Hierbei wurden unter anderem die Güte der Stoffwechseleinstellung  anhand des HbA1c-Wertes und die Prävalenz von Übergewicht bei jungen Typ-1-Diabetes-Patienten analysiert.

Zur Bestimmung der sozioökonomischen Faktoren wurde der "German Index of Multiple Deprivation 2010" (GIMD 2010) genutzt. Dieser Deprivationsindex wurde vom DZD-Wissenschaftler Werner Maier vom Institut für Gesundheitsökonomie und Management im Gesundheitswesen am Münchner Helmholtz Zentrum konzipiert. Er ermöglicht es, unter Verwendung amtlicher Statistiken spezifische örtliche Gegebenheiten zu Einkommens‑, Kapital-, Beschäftigungs-, Bildungs- oder Sicherheitsverhältnissen abzubilden und so regionale materielle und soziale Unterschiede verschiedener Bundesländer, Landkreise und Gemeinden in wissenschaftlichen Analysen einzusetzen.

Hauptergebnisse

Die Ergebnisse zeigen, dass junge Patienten in sozioökonomisch am stärksten benachteiligten Regionen weniger häufig lang wirksame Insulinanaloga erhalten (64,3 Prozent) als Patienten in den sozioökonomisch stärksten Regionen (80,8 Prozent). Auch kontinuierliche Glukoseüberwachungssysteme (CGM) werden in den sozioökonomisch schwächsten Regionen seltener eingesetzt (bei 3,4 Prozent der Patienten) als in den sozioökonomisch stärksten Regionen (bei 6,3 Prozent der Patienten). Unterschiede zeigen sich ebenso bei den Therapieergebnissen: Der durchschnittliche HbA1c-Wert liegt in den sozioökonomisch schwächsten Regionen bei 8,07 Prozent (65 mmol/mol) und in den sozioökonomisch stärksten Regionen bei 7,84 Prozent (62 mmol/mol). Zudem leiden die jungen Patienten in den am stärksten benachteiligten Regionen häufiger an Übergewicht. Die Prävalenz liegt hier bei 15,5 Prozent, in den sozioökonomisch privilegierten Regionen bei 11,8 Prozent. Allerdings sind die Patienten in den sozioökonomisch schwächsten Gebieten seltener von schweren Unterzuckerungen betroffen. Die Rate der schweren Hypoglykämien beträgt hier nur 6,9 Ereignisse pro 100 Patientenjahre verglichen mit 12,1 Ereignissen in den sozioökonomisch stärksten Gebieten.

Klinische Bedeutung

Trotz der großen Fortschritte beim Management von Typ-1-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen in den vergangenen zwei Jahrzehnten gibt es regionale Unterschiede bei der Behandlung. „Die Studie zeigt, dass die regionalen Unterschiede in Therapie und Therapieergebnissen bei jungen Typ-1-Diabetes-Patienten sogar auf Kreisebene existieren und dass diese geographischen Unterschiede zum Teil durch regionale Deprivation, das heißt, durch einen regionalen Mangel an materiellen und sozialen Ressourcen erklärbar sind“, sagt die Studienautorin und DZD-Wissenschaftlerin Marie Auzanneau vom Institut für Epidemiologie und Medizinische Biometrie, ZIBMT, an der Universität Ulm. Die Ergebnisse deuteten darauf hin, dass sich die Therapieerfolge von Patienten in sozioökonomisch benachteiligten Regionen durch einen häufigeren Einsatz von Pumpentherapie und CGM verbessern ließen. Zur Klärung der Frage, wie die einzelnen Dimensionen der regionalen Deprivation mit der Therapie und den Therapieergebnissen in der Diabetesversorgung assoziiert sind, sollen jetzt noch weitere Untersuchungen folgen.