TV-Demenz: Macht zu viel Glotzen dumm?

  • Fancourt D & al.
  • Sci Rep
  • 28.02.2019

  • von Dr. Stefanie Reinberger
  • Studien – kurz & knapp
Der Zugang zum gesamten Inhalt dieser Seite ist nur Angehörigen medizinischer Fachkreise vorbehalten. Der Zugang zum gesamten Inhalt dieser Seite ist nur Angehörigen medizinischer Fachkreise vorbehalten.

Kernaussage

Eine Studie aus Grossbritannien zeigt, dass ein Fernsehkonsum von mehr als 3,5 Stunden pro Tag bei über 50-Jährigen zum A b bau des verbalen Gedächtnisses führt. Auf andere kognitive Fähigkeiten wirkte sich das Fernsehschauen nicht aus. Möglicherweise liegt ein neues Krankheitsbild vor: Die TV-Demenz.

Hintergrund

Der Einfluss von Fernsehkonsum auf die kognitiven Fähigkeiten von Kindern wird bereits intensiv erforscht. Dabei haben sich die Hinweise verdichtet, dass das Fernsehen das Lesen sowie mathematische Fähigkeiten beeinträchtigt und außerdem mit Verzögerungen der kognitiven, sprachlichen und motorischen Entwicklung einhergeht. Weniger intensiv untersucht ist jedoch die Frage, welchen Effekt der TV-Konsum im höheren Alter auf die Kognition hat. Dennoch wurde bereits vor mehr als 25 Jahren die Hypothese aufgestellt, dass übermäßiges Fernsehen zur Entwicklung einer Demenz beitragen könnte. Die vorliegende Studie hatte daher zum Ziel, zu untersuchen, ob sich Fernsehkonsum bei über 50-Jährigen durch ein Nachlassen der kognitiven Fähigkeiten bemerkbar macht.

Studiendesign

In der Studie wurden Daten von 3.590 Teilnehmern der English Longitudinal Study of Aging (ELSA) analysiert. Die Probanden dieser Studie sind alle über 50 Jahre alt, das Durchschnittsalter dieser Auswertung lag bei 67 Jahren. Keiner der untersuchten Probanden zeigte zu Beginn der Studie Anzeichen einer Demenz. Sechs Jahre nach Untersuchungsbeginn wurden die Studienteilnehmer erneut auf ihre kognitiven Fähigkeiten untersucht und zu ihren Fernsehgewohnheiten befragt.

Hauptergebnisse

  • Das verbale Gedächtnis war bei Personen mit hohem Fernsehkonsum beeinträchtigt. Dabei zeigte sich ein „dosisabhängiger“ Effekt: Der kognitive Verlust machte sich ab einem täglichen Fernsehkonsum von 3,5 h bemerkbar. Das Ergebnis hatte auch noch Bestand nachdem Einflussfaktoren wie demographische Größen und gesundheitliche Daten herausgerechnet worden waren.
  • Der Sprachfluss der Probanden war nach Ausschluss anderer Faktoren nicht signifikant beeinträchtigt.
  • Ein Ausschluss von Patienten, die in den ersten zwei Jahren nach Beginn der Untersuchung eine Demenz entwickelt hatten, zeigte keinen Einfluss auf die Signifikanz des Ergebnisses.
  • Ein TV-Konsum von 3 bis 3,5 h pro Tag hatte keinen Einfluss auf die Kognition. Der Verlust des verbalen Gedächtnisses machte sich erst ab 3,5 h pro Tag bemerkbar.
  • Die korrigierten Ergebnisse belegen, dass die kognitive Einschränkung nicht vom Bewegungsmangel während des Fernsehens herrührt.

Klinische Bedeutung

TV-Konsum von mehr als 3,5 Stunden am Tag beeinträchtigt bei älteren Menschen das verbale Gedächtnis, jedoch nicht die Flüssigkeit des Sprechens, die etwa bei Alzheimer-Patienten ebenfalls betroffen ist. „Verschiedene Studien hatten die These aufgestellt, dass viel TV das Risiko, an Alzheimer zu erkranken, fördern könnte", erklärt Prof. Peter Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN). „Alzheimer-Patienten haben aber auch kognitive Defizite jenseits des verbalen Gedächtnisverlustes“. Die Ergebnisse seien dennoch beunruhigend, denn möglicherweise entwickele sich eine ganz eigene Krankheit, die TV-bedingte Demenz. „Gerade ältere Menschen sollten, um lange geistig fit zu bleiben, von zu viel Fernsehschauen absehen“, sagt der DGN-Experte.