Trump’s „Geisteszustand“: Steroid-Psychose, Neuro-COVID oder auch Cäsarenwahn?

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Theodor Mommsen, Altertumswissenschaftler, Literatur-Nobelpreisträger und Fan von Julius Cäsar, hat einmal ein vernichtendes Urteil über Cäsars Widersacher Gnaeus Pompeius Magnus gefällt: Pompeius sei, so Mommsen, „durch die Natur geschaffen, ein tüchtiger Wachmann zu sein, aber durch die Umstände berufen“, „Feldherr und Staatsmann zu sein“.

Krieg gegen Umwelt und Wissenschaft?

Historische Vergleiche sind sicher immer angreifbar. Doch nach Ansicht seiner vielen weltweiten Kritikern hat der US-Präsident schon mehrfach eindrucksvoll demonstriert, dass er kein wirklicher Staatsmann ist, der seinem Land mehr nutzt als schadet. Auch Wissenschaft und Wissenschaftler litten und seien durch Trumps Politik und Verhalten beschädigt worden, möglicherweise auf lange Zeit, heißt es. Deutlich habe sich das destruktive Agieren Trumps schon im Umgang mit dem Thema Klimawandel gezeigt. So hätten er und seine Beauftragten die Bemühungen zur Eindämmung der Treibhausgasemissionen zurückgedrängt, die Maßnahmen gegen die Umweltverschmutzung und die Rolle der Wissenschaftler bei der US-amerikanischen Umweltschutzbehörde (EPA) geschwächt, heißt es zum Beispiel in einem Beitrag im britischen Wissenschaftsmagazin „Nature“. „Ich habe noch nie einen so orchestrierten Krieg gegen die Umwelt oder die Wissenschaft gesehen“, wird Christine Todd Whitman zitiert, die unter George W. Bush die US-Umweltschutzbehörde leitete. Trump habe auch Amerikas Position auf der Weltbühne durch seine Isolationspolitik und Rhetorik untergraben. Indem er die Türen des Landes für viele Besucher und außereuropäische Einwanderer geschlossen habe, seien die USA für ausländische Studenten und Forscher weniger attraktiv geworden. Und durch die Dämonisierung internationaler Verbände wie der Weltgesundheitsorganisation habe er die Fähigkeit der USA geschwächt, rasch und adäquat auf globale Krisen zu reagieren.

Unfähigkeit und sogar Sabotage?

Seit einigen Monaten ist es vor allem Trumps Umgang mit der Pandemie, die weltweit auf erhebliche Kritik stößt. Seine Aktionen und sein Verhalten hätten die Pandemie noch verschärft, die bislang schon zum Tod von über 200. 000 US-Amerikanern geführt habe, lautet ein Vorwurf. Und: Selbst als längst klar war, dass das neue Coronavirus eine globale Gefahr ist, die nicht vor Landesgrenzen halt macht, verharmloste er das Virus, angeblich, wie er in einem Interview behauptete, um keine Panik zu schüren. Statt auf das Wissen und den Rat kompetenter Wissenschaftler zu hören, hat Trump lautstark die Werbetrommel für unzureichend geprüfte Therapien gegen COVID-19 gerührt, teilweise lebensbedrohliche Ratschläge erteilt und Kritiker beschimpft und beleidigt.

Selbst jetzt, nach einigen Pandemie-Monaten, und trotz eigener Erkrankung tut er so, als habe er die Pandemie im Griff, verharmlost das Virus weiterhin, macht haltlose Versprechungen zu Impfstoffen und schwadroniert von fantastischen Präparaten gegen COVID-19. So bezeichnete er vor wenigen Tagen etwa den experimentellen Antikörper-Cocktail des US-Unternehmens Regeneron, mit dem er behandelt wurde, als Wundermittel, das ihn geheilt habe. Trumps Verhalten und seine Aktivitäten zeugten nicht nur von Unfähigkeit, sondern seien Sabotage, wird Jeffrey Shaman, Epidemiologe an der Columbia University in New York zitiert. Trump habe, so Shaman, die Bemühungen um die Sicherheit der Menschen sabotiert. Sogar das ehrwürdige „New England Journal of Medicine“ teilt offenbar diese Einschätzung und rät daher in einem Leitartikel von einer erneuten Wahl Trumps ab. 

 „Abspaltung von der Realität"?

Die Demokraten in den USA zweifeln laut einem „Zeit-Bericht“ nach der COVID-19-Erkrankung von Donald Trump bereits an dessen Amtsfähigkeit. Sie wollten daher diskutieren, ob sie eine Klausel in der US-Verfassung nutzen könnten, um den US-Präsidenten wegen seines vermeintlich eingeschränkten Geisteszustands gegen seinen Willen von seinen Amtsgeschäften befreien zu können. Trump befinde sich momentan „in einem, sagen wir mal, veränderten Zustand" und leide an einer „Abspaltung von der Realität", so Nancy Pelosi, die Vorsitzende der demokratischen Mehrheitsfraktion im US-Repräsentantenhaus in ihrer wöchentlichen Pressekonferenz. Seine Abgehobenheit von der Wirklichkeit sei „lustig, wenn sie nicht so tödlich sei“, sagte Pelosi. Trump hat selbstverständlich schon - in gewohnter Weise - darauf reagiert: „Die verrückte Nancy ist es, die unter Beobachtung stehen sollte", so der US-Präsident auf Twitter.

In der Tat ist das Verhalten des eh schon verhaltensauffälligen 74-Jährigen in den letzten Tagen besonders auffällig, etwa seine kleine Ausfahrt, um sich seinen Fans zu zeigen, und auch sein Auftreten auf dem Balkon des Weißen Hauses nach der Klinik-Entlassung. So manchen geschichtsbewussten Kritiker könnte dies zu der bösen Bemerkung verleiten, dass diese Auftritte teilweise an die der etwas senil wirkenden DDR-Eriche oder Leonid Breschnews erinnerten.

Komplikationen von Dexamethason oder von COVID-19?

Als mögliche Ursache der aktuell besonders deutlichen „Abgehobenheit des US-Präsidenten von der Wirklichkeit“ wird seine Therapie mit Dexamethason vermutet. Auf Twitter wird sogar über eine Steroid-induzierte Psychose mit Symptomen wie Euphorie, Antriebssteigerung und Manie spekuliert (#SteroidInducedMania) spekuliert. Diskutiert wird zudem über die Möglichkeit neurologischer Komplikationen von COVID-19. Die Infektionskrankheit geht bekanntlich häufig mit neurologischen Symptomen einher. Wie häufig, zeige eine aktuell publizierte Arbeit, berichtete vor wenigen Tagen die Deutsche Gesellschaft für Neurologie und verwies auf eine aktuelle Studie, die im Fachblatt „Annals of Clinical and Translational Neurology“ publiziert ist. Insgesamt betrage die Prävalenz demnach mehr als 80 Prozent; fast jeder dritte Patient erleide eine Enzephalopathie.

Trumps irritierende Verhaltensweisen und verbale Zumutungen haben, wie berichtet,  schon vor der Pandemie zu Spekulationen über seinen Geisteszustand angeregt. „Is Something Neurologically Wrong With Donald Trump?“ So überschrieb zum Beispiel der US-Journalist James Hamblin in der US-Zeitschrift „The Atlantic“  einen Beitrag zu diesem Thema. Der frühere Spiegel-Kolumnist Jan Fleischhauer fragte sogar: „Kann es sein, dass der Präsident der Vereinigten Staaten nicht mehr ganz bei sich ist? Leidet der US-Präsident an Demenz?“

Das ist selbstverständlich alles nur Spekulation. Fakt ist aber vermutlich, dass Trumps Erziehung, von seiner Nichte, der Psychologin Mary Trump, in einem Buch geschildert, erheblich mit dazu beigetragen hat, dass er sich auch als über 70-Jähriger nicht selten etwas infantil und wie ein krankhafter Narzisst verhält. Den US-Präsidenten wird die massive Kritik an seiner Person auch weiterhin kaum ändern. Dazu ist er zu alt, sein persönlicher Leidensdruck zu gering, seine Beratungsresistenz hingegen ausgeprägt. Und Cäsarenwahn ist ohnehin - auch rund 2000 Jahre nach der römischen Kaiserzeit -noch immer unheilbar.