Trauma-Folgen: sogar nachfolgende Generationen können betroffen sein

  • Psychotherapie im Dialog

  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaften

Menschen, die ein schweres Trauma durchlebt haben, leiden oft viele Jahre, teilweise lebenslang, unter den psychischen Folgen. Auch ihre Bindungsfähigkeit und der eigene Erziehungsstil können davon beeinflusst sein. Die Traumafolgen betreffen dann nicht mehr nur den Traumatisierten selbst, sondern auch das nahe Umfeld. Sogar die nachfolgende Generation könne betroffen sein, sagt Dr. Rahel Bachem, Klinische Psychologin, die in einem Fachzeitschriften-Beitrag das Phänomen der so genannten Trauma-Transmission näher beschreibt.

Sekundäre Traumatisierung

Nahe Angehörige von traumatisierten Personen können Symptome entwickeln, die denen der Betroffenen stark ähneln: Sie leiden unter Ängsten und depressiven Beschwerden. Auch typische Symptome einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) können auftreten. „Man spricht hier von einer sekundären Traumatisierung. Sind die eigenen Kinder betroffen, handelt es sich um eine intergenerationale Traumatisierung“, so Rahel Bachem, die derzeit am I-CORE Research Center for Mass Trauma an der Universität in Tel Aviv forscht. 

Folter und andere Grausamkeiten besonders folgenreich

Wie sehr die eigenen Kinder „mitleiden“, hängt Studien zufolge von der Stärke der elterlichen PTBS-Symptome ab sowie von der Art des Traumas. Intensiv beobachtet wurde die transgenerationale Trauma-Weitergabe vor allem bei Ü berlebenden des Holocaust und deren Nachkommen. Sehr schwer wiegen von Menschen verursachte Traumata. „Die Erfahrung, dass Menschen zu Grausamkeiten fähig sind – etwa zu Folter während einer Kriegsgefangenschaft – erschüttert das menschliche Grundvertrauen zutiefst“, sagt Bachem. Die Opfer hätten oft Schwierigkeiten, sich langfristig auf intime Beziehungen einzulassen. Das zeige sich dann auch in der Beziehung zu den eigenen Kindern, zu denen sie keine enge und zärtliche Beziehung aufbauen könnten. Zudem zeigten Untersuchungen, dass die Furcht der Eltern vor neuen Situationen oder fremden Personen sich ebenfalls auf die Kinder überträgt. Das hindere die Kinder daran, altersgerechte Erfahrungen zu machen.

Partner traumatisierter Elternteile brauchen auch Hilfe

Bachem verweist auf eine Studie mit Veteranen des Jom-Kippur-Kriegs 1973 gegen Israel: 40 Jahre nach dem Krieg bewerteten israelische Veteranen, die in Kriegsgefangenschaft waren, das Verhältnis zu ihren Kindern rückblickend als weniger nah als Veteranen, die nicht in Gefangenschaft geraten waren. Auch die – inzwischen erwachsenen – Kinder berichteten von stärkerer Kontrolle und geringerer väterlicher Zuwendung.

Die Jom-Kippur-Studie zeigte auch, dass die Übertragung der traumatischen Belastung nicht immer auf direktem Wege verlaufen muss. „So hatte die durch den Vater übertragene PTBS der Mutter einen größeren Einfluss auf die Kinder als die primäre PTBS des Vaters“, berichtet Bachem – vermutlich, weil in der Regel die Mutter die wichtigste Bezugsperson der Kinder war. Es sei daher wichtig, auch die Partner und Partnerinnen traumatisierter Elternteile psychosozial zu unterstützen und in ihrer Elternrolle zu stärken.

Prävention: darüber reden

Um die Weitergabe von Traumata zu vermeiden, müsse zudem das Schweigen in der Familie durchbrochen werden. „Oft scheint eine unausgesprochene Abmachung zu gelten, nicht über das Trauma der Eltern zu sprechen“, sagt Bachem. Die Kinder empfinden dann zwar die psychische Belastung der Eltern, bekommen aber keine Erklärung. Solchermaßen im Ungewissen gelassen, hätten sie im späteren Leben eher zwischenmenschliche Schwierigkeiten und könnten emotionale Nähe schlechter zulassen. Darum solle mit den Ursachen des Traumas möglichst offen umgegangen werden – entsprechend der kognitiven Reife und den emotionalen Bedürfnissen des Kindes.

Mögliche Mechanismen der Trauma-Weitergabe

Zur Erkl ä rung des komplexen Prozesses der transgenerationalen Trauma-Weitergabe

sind mehrere sich teilweise ergä nzende, aber auch widersprechende  Konzepte entwickelt worden:

  • der psychoanalytische Ansatz,
  • das sozialisationstheoretische Erklärungsmodell
  • das Familiensystem- bzw. Familienkommunikationsmodell
  • und das biologische Transmissionsmodell.

Konsens soll darüber bestehen, dass es sich bei der Trauma-Ü bertragung auf nachfolgende Generationen nicht um einen Determinismus handelt: Es gibt auch Kinder mit traumatischen Erfahrungen, die psychisch gesund bleiben.