Tonsillenentfernung: Schmerzmittelbedarf von Kindern wird häufig unterschätzt


  • Nicola Siegmund Schultze
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Der Schmerzmittelbedarf von Kindern nach einer Tonsillektomie wird in Deutschland unterschätzt. Ein spezifischer Fragebogen für Eltern hilft, die Schmerzen zu objektivieren und die Schmerztherapie nach der Operation zu verbessern.

Hintergrund
Mandeloperationen bei Kindern zählen zu den schmerzhaftesten Eingriffen, obwohl die Operation nur vergleichsweise geringe Gewebeverletzungen verursacht. Prospektiven Kohortenstudien an deutschen Kliniken zu Folge ist die Analgesie nach einer Entfernung der Tonsillen häufig nicht ausreichend. Altersgerechte Schmerzskalen sind die Kindliche Unbehagens- und Schmerzskala (KUSS) für Ärzte und die Faces Pain Scale–Revised (FPS-R) für Kinder über 5 Jahren: Sie tippen dabei auf eines von 6 Gesichtern, um ihre Schmerzen einzustufen. Für Eltern gibt es den – in Deutschland allerdings kaum bekannten - PPPM-D-Fragebogen. Darin wird nach Veränderungen zum gewohnten Verhalten der Kinder und nonverbalen Hinweisen auf Schmerzen gefragt. An 3 deutschen Kliniken wurde evaluiert, ob die Befragung der Eltern nach PPPM in Kombination mit den beiden gängigen Skalen die postoperative Schmerztherapie in der Klinik verbessern kann. Zur Analgesie wurden Nichtopioide (NOM) gegeben wie Ibuprofen (IBU) und Paracetamol (PCM) und als Rescue-Medikation (RM) das Opioid Piritramid. Es hat eine um 25 % schwächere Wirkung als Morphin.

Design

  • Postoperative Messungen der Schmerzen (3 x täglich) bei 68 Patienten im Alter von 2 – 12 Jahren nach Tonsillektomie.
  • Verwendung der Schmerzskala KUSS bei Kindern bis zu 4 Jahren
  • Verwendung der Schmerzskala FPS bei Kindern älter als 4 Jahre
  • Verwendung des Fragebogens PPPM-D für die Eltern
  • Endpunkte: Prozentsätze der Patienten, die eine Rescue-Medikation benötigen und die Übereinstimmung der Indikation in verschiedenen Schmerzskalen

Hauptergebnisse
Die durchschnittliche tägliche Dosis nicht opioider Medikamente in den ersten 3 Tagen postoperativ betrug

  • nach extrakapsulärer Tonsillektomie (TE) 14,1–16,3 mg/Kg IBU und 4,2–12,4 mg/Kg PCM und
  • nach intrakapsulärer Tonsillektomie (TO) 10,8–14,7 mg/Kg IBU und 5,2–8,8 mg/Kg PCM.
  • Bei 212 Visiten wurde die RM indiziert, davon 121 Mal nur durch den PPPM-D.
  • Nach Ausschluss eventuell falsch-positiver Indikationen benötigten 67 % der TE-Patienten und 48 % der TO-Patienten mindestens ein Mal eine Rescue-Medikation. Der Bedarf an NOM wurde damit deutlich unterschätzt.

Klinische Bedeutung
Jährlich werden in Deutschland circa 100.000 Kindern die Mandeln entfernt. Die Patienten leiden häufig mehrere Tage lang unter starken Schmerzen. Die Ergebnisse der aktuellen Studie belegen, dass viele Eltern die Schmerzen ihrer Kinder nach einer Mandeloperation ohne den Fragebogen PPPM-D oft unterschätzen. Manche Eltern sind außerdem besorgt, dass Schmerzmittel ihren Kindern schaden könnten, so die Autoren. Solange die Kinder jedoch in der Klinik beobachtet würden, seien die Bedenken gegenüber einem potenten Opioid wie Piritramid unbegründet.