Tod durch Mangel an Sorgfalt

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In deutschen Kliniken gibt es pro Jahr bis zu zwei Millionen unerwünschte Ereignisse, 800.000 Fehler bedingte Komplikationen, 200.000 Behandlungsfehler wegen mangelnder Sorgfalt und 20.000 vermeidbare Todesfälle – dieses Fazit zieht das in Berlin vorgestellte Weißbuch des Aktionsbündnisses Patientensicherheit (APS).

 

Prof. Matthias Schrappe von der Universität Köln und Autor des Weißbuchs sagt: „Das erste Drittel der unerwünschten Ereignisse sind Krankenhausinfektionen – zum Beispiel Harnwegsinfektionen aufgrund eines schlecht gelegten Katheters, Lungenentzündungen, weil die Patienten zu lange auf Station liegen, postoperative Wundinfektionen und im Krankenhaus erworbene Darminfektionen – das ist heute häufiger der Fall. Patienten bekommen im Krankenhaus etwa das Norovirus. Die Übertragung geschieht, weil der Arzt die Hände vorher nicht desinfiziert hat.“ Ein weiteres Drittel machten medikamentenbedingte unerwünschte Ereignisse aus – eine falsche Arznei wird verabreicht, weil zum Beispiel Tabletten vertauscht werden, eine unerwünschte Wirkung tritt auf, eine falsche Dosis kommt zum Einsatz, weil zum Beispiel nicht beachtet wurde, dass der Patient eine schwache Niere hat und die Arzneigabe reduziert werden muss. Das letzte Drittel sei ein Strauß an verschiedenen Komplikationen – die Seitenverwechselung bei der Knie-OP, der falsche Patient bekommt wegen einer Verwechslung eine Medikamententherapie, OP-Besteck wird im Patienten vergessen oder es kommt zu organisatorischen Fehlern – zum Beispiel wird im Dienstplan übersehen, dass an bestimmten Tagen kein Oberarzt verfügbar ist. Mangelnde Sorgfalt, fehlende Informationswirtschaft, das Versagen ganzer Teams, fehlende Vorbildfunktion der Führung – dies alles seien Ursachen. Trotz der vielen Problemfälle klagten jedoch nur drei Prozent der betroffenen Patienten gegen eine Falschbehandlung, sagt Schrappe.

 

Konkrete Schritte für mehr Patientensicherheit

APS und der Verband der Ersatzkassen (vdek), der das Weißbuch mitfinanziert hat, haben daher einen Forderungskatalog für mehr Patientensicherheit aufgestellt. Danach soll die Hygiene in Kliniken verbessert und der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) in Zusammenarbeit mit dem Robert Koch-Institut (RKI) verpflichtet werden, „eine verbindliche bundeseinheitliche Hygiene-Richtlinie zu entwickeln“, sagt vdek-Chefin Ulrike Elsner. Verantwortliche in der Führungsebene für das Thema Patientensicherheit müssten in allen Organisationen des Gesundheitswesens benannt werden – in Kliniken, Pflegeheimen, im ambulanten Bereich. „Die Führung muss das Thema systematisch zur Chefsache machen“, fordert APS-Vorsitzende Hedwig François-Kettner. Fehlermeldesysteme in Kliniken müssten weiter ausgebaut werden, um unerwünschte Ereignisse strukturiert zu erfassen und auszuwerten, die Teilnahme an einrichtungsübergreifenden Fehlermeldesystemen verpflichtend sein. Derzeit beteiligten sich daran nur ein Drittel der Kliniken. Auch ein Implantateregister könnte die Patientensicherheit erhöhen, etwa durch frühzeitige Erkenntnisse über Produktfehler. In Aus- und Fortbildung sei der Fokus verstärkt auf das Thema Patientensicherheit zu richten. Durch ein frühes Einbeziehen des Patienten in die Behandlung könne auch er helfen, Fehler früher aufzuzeigen. Weniger Freiwilligkeit, mehr Verbindliches und eine bessere Systematik in der Fehleranalyse wünschen sich APS und vdek. 15 Prozent der Kosten im Gesundheitswesen könnten insgesamt eingespart werden, wenn die Patientensicherheit beachtet würde, meint die APS-Vorsitzende.

 

DKG: Zu wenig Geld für Safety 

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft, namentlich ihr Hauptgeschäftsführer, Georg Baum reduziert die Frage der Patientensicherheit auf die Finanzierungslage: „Tatsache ist, wenn es um die Bereitstellung der Geldmittel für Sicherheitseinrichtungen in den Krankenhäusern geht, stehen die Krankenkassen auf der Bremse“, entgegnet Baum den Autoren des Weißbuchs. Ob Einstellung von Hygienebeauftragten oder Patientenbeauftragten oder der Installierung von Fehlermeldesystemen, überall würden nur begrenzte Mittel bereitgestellt – so sei der Politik bekannt, dass die Länder von den benötigten sechs Milliarden Mitteln für Investitionen in Gebäude und Sicherheit nur die Hälfte erhielten.

 

Weinberg: Eine Frage falscher Anreize

Der von der Bundesregierung geförderte Wettbewerb zwischen Krankenhäusern durch das Fallpauschalensystem „setzt Anreize, möglichst viele Patienten mit möglichst wenig Personal möglichst schnell zu behandeln – Hygiene bleibt dabei auf der Strecke“, ebenso die Patientensicherheit, kommentiert Harald Weinberg, gesundheitspolitischer Sprecher Links-Fraktion im Bundestag die Situation. „Es kann nicht sein, dass offensichtliche und gravierende Fehler bestenfalls entschädigt werden, dann aber im Aktenschrank verschwinden“, teilt der Medizinische Dienst des GKV-Spitzenverbands (MDS) mit und fordert einen transparenteren Umgang mit Behandlungsfehlern und eine Meldepflicht. Krankenhäuser und Arztpraxen müssten von der Häufigkeit und den Umständen, die zu einem fehlerbedingten Schaden geführt haben, genauso selbstverständlich erfahren wie von dringend erforderlichen Präventionsmaßnahmen, so der MDS.

Ergänzend zu den Forderungen von APS und vdek spricht sich die Grünen-Fraktion für ein öffentlich zugängliches Monitoring aus, „welches unter anderem Anzahl und Anlass von Verfahren, festgestellte Fehler und Haftungsentscheidungen auswertet.“ 

 

Das APS-Weißbuch Patientensicherheit sowie eine englische und deutsche Kurzfassung stehen als Download zur Verfügung, PDF, 618 Seiten