TK-Innovationsreport: Demenzpatienten werden falsch oder gar nicht behandelt

  • TK-Innovationsreport 2018

  • von Karl-Heinz Patzer
  • Medizinische Nachrichten
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Demenz-Patienten erhalten in Deutschland nur selten spezifische Antidementiva, dafür aber umso häufiger Antipsychotika. Die Hälfte aller Patienten wird überhaupt nicht behandelt. Dies sind Teilergebnisse des Innovationsreports 2018 der Techniker Krankenkasse (TK) zur Therapie von Menschen mit Alzheimer-Demenz.

Kernaussage

Nur 14 Prozent der an Demenz erkrankten TK-Versicherten erhalten ausschließlich ein Antidementivum zur Behandlung der Krankheit, neun Prozent werden mit einem Antidementivum plus einem Beruhigungsmittel therapiert. Mehr als jeder vierte Demenz-Patient (26 Prozent) bekommt ausschließlich Beruhigungsmittel. Die Hälfte der Patienten bleibt unbehandelt.

Design

Der TK-Innovationsreport basiert auf den Verordnungszahlen von Arzneimitteln mit den insgesamt 32 neuen Wirkstoffen, die erstmals 2015 in den deutschen Markt eingeführt wurden. Er bewertet die  Medikamente im Hinblick auf Patientennutzen und Therapiekosten an Hand der entsprechenden Zulassungsstudien, dem Beurteilungsbericht der Zulassungsbehörden und der aktuellen Studienlage. Ein Sonderkapitel befasste sich mit der Behandlung von Menschen mit Alzheimer-Demenz.

Hintergrund

Demenzerkrankungen gehören zu den häufigsten und schwerwiegendsten Alterserkrankungen. Die Alzheimer-Demenz tritt mit einer Prävalenz von unter 1 Prozent ab einem Alter von 60 bis 64 Jahren auf, die Häufigkeit steigt auf rund 30 Prozent bei 90- bis 94- Jährigen. Weltweit waren im Jahr 2010 nach WHO-Schätzungen 35,6 Mio. Menschen an Demenz erkrankt, die jährliche Inzidenz liegt bei 7,7 Millionen. Die Prävalenzen werden sich nach jüngsten Prognosen1,2 etwa alle 20 Jahre auf 65,7 Millionen im Jahr 2030 und auf 115,4 Millionen im Jahr 2050 verdoppeln. Deutschland gehört zu den zehn Ländern mit dem höchsten Anteil an Demenzerkrankungen weltweit.3 2016 litten hierzulande fast 1,6 Millionen Menschen an einer Demenz, zwei Drittel von ihnen an Alzheimer.

Jährlich werden etwa 300.000 Neuerkrankungen diagnostiziert. Zur Einschätzung von psychischen und Verhaltenssymptomen stehen validierte Assessments zur Verfügung, wobei Hausärzten als ersten Ansprechpartnern der Betroffenen und Angehörigen bei der Identifikation einer Demenzerkrankung eine Schlüsselrolle zukommt. Eine wirksame Therapie zur Heilung von Demenzerkrankungen gibt es nicht.

Hauptergebnisse

Die Analyse zeigt, dass Alzheimer-Demenzpatienten vorrangig mit Beruhigungsmitteln wie Neuroleptika und Benzodiazepine therapiert werden. Über ein Viertel der Demenzkranken erhalten ausschließlich ein Antipsychotikum, neun Prozent bekommen es zusätzlich zu einem Antidementivum. Dies sei ein Beleg für eine „flächendeckende Fehlversorgung“, kritisieren die Autoren der Studie Prof. Gerd Glaeske und Prof. Wolf-Dieter Ludwig. Darüber hinaus kommt die Studie zu der pessimistischen Einschätzung, dass in den kommenden Jahren keine Durchbrüche in der Arzneimitteltherapie zu erwarten sind. Auch in den vergangenen Jahren sind keine neuen Wirkstoffe zugelassen worden und die meisten Pharmaunternehmen haben ihre Forschung dazu vollständig eingestellt. Die derzeit verfügbaren Medikamente gegen Alzheimer-Demenz verlangsamen nur das Fortschreiten der Erkrankung, können sie also weder aufhalten noch heilen.

Diskussion

Die Autoren hegen in Anbetracht der Ergebnisse des TK-Innovationsreports den Verdacht, dass demente Menschen mit Antipsychotika möglichst ruhiggestellt werden, statt sie evidenzbasiert zu behandeln. Eine längerfristige Antipsychotikatherapie sei jedoch immer problematisch. Wie Studien belegen, sei ihr Einsatz bei Demenzerkrankten mit einem erhöhten Risiko für Mortalität, zerebrovaskuläre Ereignisse und einem beschleunigten kognitiven Abbau assoziiert3. Die Warnungen internationaler Arzneimittelbehörden sowie der Hersteller haben den Autoren zu Folge bisher nicht das Gesamtverordnungsverhalten der Ärzte verändern können. Dies sei nachteilig für die Patienten, möglicherweise jedoch vorteilhaft für die Pflegeeinrichtungen, die mit dem Einsatz von Beruhigungsmitteln mit weniger Pflegepersonal auskämen. Die Verordnungsweise von Antipsychotika bei Demenzpatienten verstoße jedenfalls eindeutig gegen medizinische Leitlinien.