Stuhltests zur Analyse des Darm-Mikrobioms: Gastroenterologen-Gesellschaft rät ab


  • Dr. med. Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaft

Die Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) rät davon ab, Stuhltests zur Untersuchung des Mikrobioms zu nutzen. Diesen fehle derzeit die wissenschaftliche Grundlage.

Hintergrund

Auch der Darm hat eben „Charme“, um auf das vielbeachtete Buch („Darm mit Charme“) der jungen Ärztin Giulia Enders anzuspielen. Worum es dabei konkret geht, das sogenannte Darm-Mikrobiom, ist seit einiger Zeit eine Art „Mode-Thema“. Das spricht selbstverständlich nicht gegen die Annahme, dass das Mikrobiom für unsere Gesundheit eine gewichtige Rolle spielt. Das Spektrum der Krankheiten, an deren Genese die Darmflora möglicherweise beteiligt ist, reicht von Adipositas und Diabetes mellitus über rheumatische Erkrankungen bis hin zu neurologischen und psychischen Krankheiten wie Multiple Sklerose, Morbus Alzheimer, Depressionen, Angststörungen und Autismus. Einige Hersteller und Labore bieten deshalb Untersuchungen von Stuhlproben zur „Analyse“ der Darmflora an und leiten aus den Ergebnissen Ernährungs- und Handlungsempfehlungen ab. Die Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) hat dazu nun eine Stellungnahme veröffentlicht.

Analysen des Darm-Mikrobioms weitgehend sinnlos

Stuhltests haben in vielen Bereichen der Gastroenterologie ihren festen Platz: Etwa in der Darmkrebsvorsorge, wo mit dem IFOB-Test verstecktes Blut im Stuhl aufgespürt wird. Auch die DNA von Darmbakterien lässt sich aus dem Stuhl isolieren und analysieren – dies kommt beispielsweise bei der Diagnostik einzelner pathogener Erreger wie Clostridium difficile zum Einsatz. „Eine Analyse des gesamten Spektrums der Mikroorganismen im Darm ist allerdings weitgehend sinnlos, da die Zusammensetzung des Mikrobioms und eventuelle Krankheitssymptome nicht unbedingt etwas miteinander zu tun haben“, sagt Professor Dr. Stefan Schreiber, Direktor der Klinik für Innere Medizin I des Kieler Universitätsklinikums. „Die Mikrobiom-Forschung steht noch relativ am Anfang: Welche Korrelationen bestehen und wie sie sich im Einzelfall auswirken, ist derzeit noch nicht ausreichend bekannt. Darüber hinaus liefert die Analytik auch noch keine konsistenten Ergebnisse, die zwischen verschiedenen Laboren vergleichbar wären.“

Ernährungsempfehlungen möglicherweise schädlich

Die bakterielle Zusammensetzung der Darmflora kann individuell höchst unterschiedlich ausfallen und ist zudem ständig kurzzeitigen Schwankungen unterworfen, etwa durch die Einnahme von Medikamenten, durch bestimmte Nahrungsmittel oder auf Reisen. „Aus bakteriellen Verschiebungen, die sich in solchen Stuhltests möglicherweise zeigen, lässt sich deshalb noch lange kein krankhafter Zustand oder ein Zusammenhang mit einer chronischen Erkrankung herleiten“, so Schreiber. Dennoch würden aus den Ergebnissen von Darmflora-Stuhltests oft Ernährungsempfehlungen abgeleitet, die die Lebensqualität des Patienten einschränken und im schlimmsten Fall sogar zu einer Mangelernährung führen könnten. So werden zum Beispiel zum Erhalt des Körpergewichts oder zur Gewichtsreduktion Probiotika empfohlen, mit denen eine gestörte Darmflora wieder in ein gesundes Gleichgewicht gebracht werde. Die hierzu bislang publizierten Studien seien allerdings recht klein und die Beobachtungszeiten zu kurz, heißt es in einem Beitrag zu Probiotika in der Adipositas-Prävention und -Therapie („Nutrition & Metabolism“).

Die Kosten für solche Mikrobiom-Tests, die mitunter mehrere hunderte oder tausende Euro betragen, werden von den Krankenkassen regelmäßig nicht übernommen. Oft werden diese Tests im Internet, manchmal auch als sogenannte IGeL angeboten.

Ein Fazit: noch viele Fragen zum  Mikrobiom

„Die Erkenntnisse, die wir in den letzten Jahren über das Mikrobiom gewonnen haben, zeigen, dass in seiner Erforschung ein riesiges Potenzial liegt“, ist Professor Dr. Christian Trautwein, Direktor der Medizinischen Klinik III der RWTH Aachen und Mediensprecher der DGVS, überzeugt. Die genauen Zusammenhänge zwischen Ernährung, Mikrobiom, Darmgesundheit und dem Zustand anderer Organe seien bislang jedoch nur unzureichend verstanden. Vor allem die mit dem Mikrobiom in Verbindung gebrachten molekularen Prozesse, die zur Entstehung so unterschiedlicher Krankheiten wie Entzündungen, Leberzirrhosen, Krebserkrankungen oder koronarer Herzkrankheit beitragen, müssten genauer erforscht werden. „Um die wissenschaftlichen Bemühungen in der Mikrobiom- und Genomforschung stärker zu bündeln, plädiert die DGVS deshalb für die Einrichtung eines Deutschen Zentrums für Gastroenterologische Gesundheit“, so Trautwein. Dieses soll die bestehenden Gastro-Zentren in Deutschland vernetzen und so die Entwicklung von Präventions-, Früherkennungs- und Behandlungsstrategien erleichtern.