Studie liefert neue Zahlen zur Gewalt gegen und von Psychiatrie-Patienten

  • JAMA Psychiatry

  • von Michael Simm
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Der Abgleich medizinischer und strafrechtlicher Register von mehr als 250.000 Psychiatrie-Patienten in Schweden ermöglicht eine detaillierte Antwort auf die Frage, wie groß das Risiko für diese Patienten ist, in eine Gewalttat verwickelt zu werden. Im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung waren die Inzidenzraten etwa 7-fach erhöht, im Vergleich zu nicht erkrankten Geschwistern um das 3- bis 4-fache.

Hintergrund

Viele Menschen mit psychiatrischen Erkrankungen werden Opfer von Gewalttaten oder werden selbst gewalttätig, schreiben die Autoren der aktuellen Studie. Die Häufigkeit dieser Ereignisse und die Assoziationen mit den unterschiedlichen psychiatrischen Erkrankungen müssten geklärt werden.

Design

Epidemiologische Fall-Kontroll-Studie anhand von schwedischen nationalen Registern. Durch sie wurden 250,419 Individuen identifiziert, die in dem Land zwischen 1973 und 1993 eine psychiatrische Diagnose erhalten hatten; sie wurden einer 10-fach größeren Population von Individuen gleichen Alters und Geschlechts (n = 2.504.190) sowie den biologischen Geschwistern ohne psychiatrische Diagnosen (n = 194,788) gegenüber gestellt. Gemessen wurde die prämorbide Exposition gegenüber Gewalt, definiert als ambulante Behandlung (außer beim Hausarzt) oder Klinikaufenthalt oder Tod im Zusammenhang mit einer Verletzung, die absichtlich durch andere Personen zugefügt wurde. Begangene Gewalttaten wurden anhand gerichtlicher Verurteilungen dokumentiert.

Ergebnisse

  • Das mediane Alter der Psychiatrie-Patienten zum Zeitpunkt der Diagnose lag zwischen 20,0 Jahren bei Alkoholmissbrauch und 23,7 Jahren bei Zwangsstörungen. 55,4 % waren weiblich. Im Durchschnitt waren für diese Studienteilnehmer Daten bis zu 7,3 Jahren nach der Entlassung verfügbar.
  • Weniger als die Hälfte der Psychiatrie-Patienten waren Opfer von Gewalt oder selbst gewalttätig geworden. Die nicht-adjustierten Inzidenzraten für beide Ereignisse betrugen 7,1 / 1000 Personenjahre (95%-Konfidenzintervall 6,9 – 7,2) bzw. 7,5 / 1000 Personenjahre (95%-KI 7,4 – 7,6). In der Kontrollgruppe der nicht psychiatrisch auffälligen Personen waren die Inzidenzen deutlich niedriger.  Jeweils 1,0 / 1000 Personenjahre wurden Opfer einer Gewalttat; 0,7 / 1000 Personenjahre begingen eine.
  • In 4 Modellen mit zunehmend umfänglicher Adjustierung wurde das Chancenverhältnis HR der Patienten, Opfer von Gewalt zu werden, auf maximal 7,4 und minimal 3,4 (im Vergleich zu den Geschwistern) geschätzt. Die entsprechenden HR für eine Verurteilung wegen einer Gewalttat lauteten 11,2 und 4,2; die P-Werte waren für allen Schätzungen
  • Unter den Psychiatriepatienten waren Männer etwa 3-mal häufiger Opfer von Gewalt und begingen 4-mal häufiger Gewalttaten als die Frauen unter diesen Patienten.
  • Alle psychiatrischen Diagnosen waren mit Gewaltereignissen assoziiert. Den stärksten Zusammenhang sah man bei Alkohol- und Drogenmissbrauch, gefolgt von Persönlichkeitsstörungen; am wenigsten ausgeprägt war er bei Depressionen und Angststörungen. Einzige Ausnahme war hier die Schizophrenie, für die es bezüglich des Risikos, Opfer einer Gewalttat zu werden, keine Assoziation gab.

Bedeutung

Die Studie bestätigt und erweitert frühere Untersuchungen, wonach Psychiatriepatienten häufiger an gewalttätigen Ereignissen beteiligt sind - als Opfer und als Täter. Auch im Vergleich zu nicht erkrankten Geschwistern ist das Risiko etwa 3 – 4-fach erhöht. Die Studie zeigt außerdem ein besonders stark erhöhtes Risiko bei Alkohol- und Drogenmissbrauch.  Der nächste Schritt, urteilt Kommentator Paul S. Apfelbaum (New York), sollte darin bestehen, die ursächlichen Faktoren zu isolieren und Interventionen zu erproben mit dem Ziel, die Gewalt zu reduzieren und die Patienten in die Gesellschaft zu reintegrieren.

Finanzierung: Wellcome Trust, Schwedischer Forschungsrat.