Studie: Klimawandel begünstigt 58 Prozent der Infektionskrankheiten

  • Andrea Hertlein
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaften

Mehr als die Hälfte aller bekannten Infektionskrankheiten sind bereits durch die Folgen des Klimawandels wie Hitzewellen, Dürren oder Überschwemmungen häufiger geworden. Das haben hawaiianische Wissenschaftler in einer aktuellen Metaanalyse berechnet, die am Montag in Nature Climate Change veröffentlicht wurde. Auch in Deutschland ist schon jetzt durch den Klimawandel ein Einfluss auf die Verbreitung exotischer Krankheitserreger zu beobachten. RKI-Präsident Lothar Wieler fordert deshalb Ärzte auf, besonders aufmerksam zu sein.

Für ihre Studie wertete das Team um Camilo Mora von der University of Hawaii in Manoa 830 Studien weltweit zu allen 375 offiziell gelisteten Infektionskrankheiten aus. Dazu gehörten direkt von Mensch zu Mensch übertragene Infektionen ebenso wie über das Trinkwasser, Lebensmittel oder tierische Überträger vermittelte Erreger.

Über 1000 Wirkungspfade

 „Von 375 Infektionskrankheiten, für die ein Befall des Menschen dokumentiert ist, wurden 218 bereits durch Klimarisiken verschlimmert“, berichten die Wissenschaftler. Dies entspreche 58 Prozent aller bekannten humanpathogenen Infektionskrankheiten. Die Wissenschaftler haben dafür über 1.000 Wirkungspfade zwischen klimawandelbedingten Ereignissen und der Ausbreitung von Krankheiten in einer interaktiven Tabelle zusammengefasst. "Wir berichten über die vielen verschiedenen Wirkungspfade so detailliert, weil wir so die vielen unterschiedlichen Anpassungsmöglichkeiten besser erkennen können." 

Den größten Einfluss auf die Häufung und Ausbreitung von Infektionskrankheiten hat dabei die Erwärmung, gefolgt von Niederschlagsveränderungen sowie Überschwemmungen. Den Daten zufolge werden 160 Infektionskrankheiten, darunter Zika, Dengue, Malaria, Chikungunya, die Pest oder das West-Nil-Fieber durch die Erderwärmung begünstigt. Rund 120 Krankheiten profitieren zudem von Niederschlagsveränderungen sowie Überschwemmungen.

Etablierung exotischer Stechmücken in Deutschland

Auch in Deutschland ist bereits schon jetzt ein Einfluss durch klimawandelbedingte Ereignisse auf Krankheitserreger zu beobachten, betont Dr. Renke Lühken vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg gegenüber dem Science Media Center. So komme es zu einer Etablierung einst exotischer Stechmückenarten wie der Asiatischen Tigermücke in weiten Teilen Europas. Diese sei besonders für Ausbrüche des Chikungunya-Virus und Dengue-Virus im Mittelmeerraum verantwortlich.

Gleichzeitig breiten sich auch durch einheimische Stechmückenarten übertragene Krankheitserreger wie das West-Nil-Virus in Europa aus. "Seit 2019 beobachten Mediziner, dass sich Menschen auch hier in Deutschland infizieren", erklärt Tomas Jelinek, wissenschaftlicher Leiter des CRM Centrums für Reisemedizin in einer Mitteilung. „Wir erwarten daher, dass im August auch wieder Fälle in Ostdeutschland auftreten. Das Virus finde man in diesen Gegenden Deutschlands bereits bei infizierten Vögeln.

RKI: "Ärzte müssen für exotische Infektionskrankheiten sensibilisiert werden"

Auch der Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, erwartet eine Ausbreitung exotischer Infektionskrankheiten in Deutschland infolge der Erderwärmung. Der Klimawandel führe in Deutschland zu einer Ausdehnung der Lebensräume von Mücken und Zecken, sagte Wieler gegenüber der Funke Mediengruppe. Ärzte müssten für das Auftreten exotischer Infektionskrankheiten sensibilisiert werden, die sonst nur nach Reisen aufträten.