Studie bestätigt erhöhtes Suizidrisiko unter Gabapentinoiden, vor allem bei jungen Menschen

  • The BMJ

  • von Michael Simm
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

In der Alterstufe von 15 bis 24 Jahren ist die Einnahme von Gabapentinoiden mit zahlreichen negativen Ereignissen assoziiert - etwa Suizidalität / Suizid, Überdosis, Verkehrsunfall und Verletzungen.

Hintergrund

Gabapentin, Pregabalin und andere Gabapentinoide sind indiziert zur Behandlung der Epilepsie und neuropathischer Schmerzen, werden off-label aber auch beim Restless Legs-Syndrom, bei Migräne, menopausalen Hitzewallungen und Alkoholabhängigkeit eingesetzt. Zu den gut dokumentierten Nebenwirkungen zählen auch Suizidgedanken, doch gibt es nur wenige Daten zu der Frage, ob diese auch umgesetzt werden, und zur Assoziation der Gabapentinoide mit Verletzungen infolge von Koordinationsstörungen, Drogen-Überdosis und Kriminalität.

Design

Populationsbasierte Kohortenstudie in Schweden. Dafür wurden die Daten von 191.973 Menschen (59 % weiblich), die laut Verschreibungsregister in den Jahren 2006 bis 2013 Pregabalin oder Gabapentin erhalten hatten, mit weiteren Gesundheitsdaten sowie dem Sterbe- und Verbrechensregister abgeglichen. Gesucht wurde primär nach suizidalem Verhalten, unabsichtlicher Drogen-Überdosis, Verletzungen an Kopf und Körper, Verkehrsunfällen und -straftaten, sowie Verhaftungen wegen Gewaltverbrechen. Verglichen wurden diese Parameter für Zeiträume mit und ohne Verschreibungen, sodass die individuellen Patienten jeweils gleichzeitig als ihre eigene Kontrolle dienten und Verzerrungen besser ausgeschlossen werden konnten.

Ergebnisse

  • Während des 7-jährigen Studienzeitraums mussten 5,2 % der Studienpopulation (n = 10.026) wegen suizidalen Verhaltens behandelt werden, oder starben durch einen Suizid. Bei 8,9 % wurde eine unbeabsichtigte Überdosis festgestellt. 6,3 % hatten einen Verkehrsunfall oder begingen eine Verkehrsstraftat. 36,7 % erlebten Verletzungen des Kopfes oder des Körpers und 4,1 % wurden wegen eines Gewaltverbrechens verhaftet.
  • Die intra-individuelle Analyse ergab die folgenden Chancenverhältnisse HR für medizierte versus nicht-medizierte Patienten, die bis auf Gewaltverbrechen alle signifikant waren:
    • suizidales Verhalten / Suizid – HR altersadjustiert 1,26 (95%-Konfidenzintervall 1,20 – 1,32)
    • unbeabsichtigte Überdosis – HR 1,24; 95%-KI 1,19 – 1,28
    • Verletzungen an Kopf oder Körper – HR 1,22; 95%-KI 1,19 – 1,25
    • Verkehrsunfälle und – straftaten – HR 1,13; 95%-KI 1,06 – 1,20
    • Gewaltverbrechen – HR 1,04; 95%-KI 0,98 – 1,11
  • Eine nach Wirkstoffen getrennte Auswertung ergab, dass lediglich Pregabalin mit erhöhten HR für alle Studienziele assoziiert war, wogegen die Assoziation mit Gabapentin negativ oder nicht signifikant war.
  • Die Auswertung nach Altersklassen zeigte ein erhöhtes Risiko für Teilnehmer zwischen 15 und 24 Jahren.

Klinische Bedeutung

Zwar handelt es sich „nur“ um eine Beobachtungsstudie, die eine Kausalität nicht belegen kann. Die Therapieadhärenz konnte ebensowenig erfasst werden wie mögliche Wechselwirkungen mit Alkoholgebrauch und illegalen Drogen. Nachdem die Verschreibungsraten für Gabapentinoide in den letzten Jahren jedoch stark angestiegen sind, und diese möglicherweise als Opioid-Ersatz missbraucht werden, fordern die Autoren eine Überarbeitung der Richtlinien insbesondere für jüngere Menschen. In der Zwischenzeit helfen die neuen Daten, Patienten über die Risiken dieser Präparate besser zu informieren. Dennoch blieben Gabapentinoide „eine wertvolle therapeutische Option für viele Menschen“, so der Psychiater Derek Tracy (London) in einem verlinkten Kommentar.

Finanzierung: Wellcome Trust, Swedischer Forschungsrat, Karolinska Institut.