Stressbedingter Herzinfarkt: zwischenmenschliche Konflikte besonders riskant


  • Dr. med. Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaften 

Enorme psychische Belastungssituationen steigern das Herzinfarktrisiko nicht nur bei Patienten mit bereits bestehender koronarer Herzerkrankung, sondern auch bei Patienten ohne nachgewiesene Erkrankung an den Herzkranzgefäßen. Das Spektrum solcher extremer Stresssituationen kann von einem Trauerfall in der Familie bis hin zum Mobbing gehen. Besonders auffallend ist, dass der stressbedingte Herzinfarkt vor allem von emotionaler Belastung ausgelöst wird, die durch zwischenmenschliche Probleme entstanden ist. Professor Christiane Waller, Sprecherin der DGK-Arbeitsgruppe Psychosoziale Kardiologie, betont: „Der übliche Alltagsstress wie eine verpasste Straßenbahn ist dabei lange nicht so relevant wie zwischenmenschlicher Stress, beispielsweise mit Arbeitskollegen, dem Partner oder der Familie.“

Unterschiedliche Infarkt-Typen

Der klassische Herzinfarkt entsteht durch eine vorbestehende Erkrankung der Herzkranzgefäße und einen Verschluss des Herzkranzgefäßes durch eine Gerinnselbildung an einer arteriosklerotischen Ablagerung (Typ 1-Herzinfarkt). Bei 20-30% aller Herzinfarkte finden sich aber keine Verschlüsse von Herzkranzgefäßen. Hier - beim Typ-2-Infarkt - entsteht eine kritische Sauerstoffschuld des Herzmuskels durch eine für den Sauerstoffbedarf nicht ausreichende Durchblutung. 

Auch bei diesem Infarkt sind Angina-pectoris-Beschwerden und viele klinischen Befunde mit denen eines klassischen Herzinfarktes, der durch einen kompletten Gefäßverschluss bedingt ist, identisch. Rätsel geben allerdings die Patienten auf, deren Koronargefäße trotz Herzinfarkt keinerlei kritische Engstellen aufweisen. Die Ursache für den Infarkt bei diesen Patienten ist noch nicht geklärt, könnte aber ein Gefäßspasmus sein. Dieses Phänomen wird als MINOCA bezeichnet. Eine besondere Ursache für eine herzinfarktähnliche akute Erkrankung ist das „Broken Heart Syndrom“. Bei circa 2-3 Prozent aller Patienten mit Verdacht auf Herzinfarkt wird diese gleichfalls lebensbedrohliche Erkrankung gefunden. Diese Erkrankung, die besonders häufig bei Frauen in der Post-Menopause zu beobachten ist, wird auch Tako-Tsubo-Syndrom oder Stress-Kardiomyopathie genannt. Als Auslöser finden sich - wie oben erwähnt - häufig extreme emotionale Belastungen, aber auch lebensbedrohende Situationen. 

Zu den relevanten Faktoren zählt darüber hinaus Stress im Beruf, wie kürzlich die Auswertung von sieben Kohorten-Studien aus Finnland, Frankreich, Schweden und Großbritannien gezeigt hat.

Maßnahmen zum Stressabbau: nicht nach Schema F 

Während sich die akute Behandlung stressbedingter Herzinfarkte nicht von der typischer Herzinfarkte unterscheidet, sollten die auslösenden psychosomatischen Faktoren insbesondere bei der Nachsorge der Betroffenen nicht außer Acht gelassen werden, damit sie entsprechende Maßnahmen zur Stressreduktion vornehmen können. Welche das sind, hängt von den Bedürfnissen des Einzelnen ab. So Waller: „Die einen bauen Stress ab, indem sie sich körperlich betätigen. Diesen Patienten raten wir dann zu sportlichen Aktivitäten, während andere Patienten eher Ruhe benötigen. Besonders beliebt sind derzeit Tai Chi, Chi Gong oder achtsamkeitsbasierte Verfahren als Entspannungstechniken. Vielen hilft aber auch einfach das Lesen eines guten Buchs.“ 

Die Sterblichkeitsraten seien bei den unterschiedlichen Herzinfarkttypen im Wesentlichen ähnlich betont Prof. Dr. med. Hugo Katus, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie. Aber: „Registerdaten nach Situationen mit hoher Stressbelastung - wie zum Beispiel nach Erdbeben - zeigen, dass die durch Stress getriggerten Herzinfarkte mit mehr Komplikationen und größeren Herzinfarkten einhergehen.“ Unklar sei bis dato allerdings, ob Herzinfarkte abhängig von der spezifischen Auslösesituation unterschiedliche Sterblichkeitsraten hätten. 

Klar ist auf jeden Fall, dass psychosoziale Faktoren bei kardiovaskulären Erkrankungen eine große Rolle spielen und daher auch zunehmend Beachtung finden sollten. So hat die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie erst kürzlich ihr Positionspapier zur Bedeutung von psychosozialen Faktoren in der Kardiologie überarbeitet und unter anderem gefordert, dass psychokardiologische Inhalte „vermehrt Eingang in die Fort- und Weiterbildung erhalten“.