Streichle Dich selbst und malträtiere die anderen: vom Hype um den Narzissmus

  • Dr. med. Thomas Kron
  • Im Diskurs
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Beim Begriff Narzissmus denken vermutlich noch immer viele Menschen vorwiegend an Männer, an Typen wie Trump und Berlusconi etwa, an rücksichtslose Zeitgenossen also, die sich für die Tollsten halten, immer in den Vordergrund schieben und frei von jeglicher Empathie für ihre Mitmenschen sind. Was den so genannten männlichen Narzissmus kennzeichnet, verdeutlicht auch das harsche Urteil des Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki über den Schriftsteller Thomas Mann: „Empfindlich war er wie eine Primadonna und eitel wie ein Tenor. Er war ichbezogen und selbstgefällig, kalt, rücksichtslos und bisweilen sogar grausam.“

Aber natürlich gibt es auch narzisstische Frauen. Zu den mehr oder weniger bekannten „Narzisstinnen“ werden etwa die US-amerikanische Sängerin Mariah Carey gezählt, die Influencerin und angebliche Königin der narzisstischen Selbstdarstellung Kim Kardashian sowie die französische Designerin Coco Chanel, von der die Aussagen stammen sollen: „Ein Mann kann anziehen, was er will – er bleibt doch nur ein Accessoire der Frau.“ Und: „Ich mache keine Mode, ich bin Mode.“ Eine nicht minder selbstbewusst auftretende „Narzisstin“ war vermutlich auch Kleopatra VII, der - antiken Quellen zufolge - selbst der überaus machtbewusste Julius Cäsar und sein kaum weniger ruhmsüchtige Anhänger Marcus Antonius nicht widerstehen konnten.

Selbstbewusstes Auftreten, aber in Wirklichkeit sehr unsicher

Ein Grund dafür, dass Narzissmus lange Zeit als Eigenschaft allein oder überwiegend von Männern angesehen wurde, ist die Tatsache, dass sich der weibliche Narzissmus vom männlichen unterscheidet, wie die Psychologin und Psychotherapeutin Dr. Bärbel Wardetzki erklärt, die sich seit vielen Jahren mit dem weiblichen Narzissmus beschäftigt und dazu auch ein vielbeachtetes Buch geschrieben hat.

Frauen mit einer weiblich-narzisstischen Struktur leiden ihren Angaben zufolge unter Selbstzweifeln und einer starken Selbstunsicherheit, die sie hinter einer selbstbewussten Fassade verbergen. Durch Attraktivität, Schlanksein, Leistung und Perfektionismus versuchten sie, ihre Minderwertigkeitsgefühle zu kompensieren. Mitunter hätten sie auch eine Essstörung, da ein körperliches Idealmaß, das im Dienst der Selbstwerterhöhung stehe, durch Hungern und/oder Erbrechen erreicht werden könne. Narzisstische Frauen vermieden mit aller Kraft, sich anderen so zu zeigen, wie sie seien, und versteckten sich hinter einer perfekten Maske. Oft träten sie selbstbewusst auf, fühlten sich jedoch innerlich klein und unsicher. Dieser innere Konflikt sei das Wesen der weiblich-narzisstischen Selbstwertstörung. 

Charakteristisch für den weiblichen Narzissmus sei „das schnelle Kippen von einer Erlebnisqualität in die andere“. Sobald die Frau sich selbst aufwerte oder von anderen gelobt und bewundert werde, fühle sie sich grandios und unschlagbar, bei der kleinsten Kritik schlage dieser Zustand jedoch in eine tiefe Minderwertigkeit und Selbstentwertung um. Das instabile innere Erleben sei begleitetet von der Frage, wer sie wirklich sei. 

Der weibliche Narzissmus ist laut der Psychologin mehr in dem Gefühl der Wertlosigkeit verankert und der männliche im Gefühl der Grandiosität. Von der Grundthematik sei es jedoch genau dasselbe: Es sei nämlich ein verletztes Selbstwertgefühl, eine fehlende Identität und ein Bindungsproblem, aber das werde eben auf verschiedene Arten und Weisen kompensiert. Weiblich und männlich heiße dabei nicht Männer und Frauen, sondern es seien vor allem Männer, die mehr diese Grandiosität besetzten, und es seien mehr Frauen, bei den diese Wertlosigkeit im Vordergrund stehe. Es gebe aber auch Männer mit „weiblichem Narzissmus“ und Frauen mit „männlichem“.

Krankhafter Narzissmus sehr selten

Außerdem: Narzisstische Persönlichkeitszüge habe fast jeder, betont Bärbel Wardetzki weiter. Eine narzisstische Persönlichkeitsstörung mit Krankheitswert betreffe hingegen nur einen kleinen Prozentsatz. Der Anteil der Menschen in der Bevölkerung mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung beträgt auch nach Angaben der Psychiater Professor Claas-Hinrich Lammers  (Asklepios Klinik Nord, Ochsenzoll) und Professor Stephan Alexander Doering (Allgemeines Krankenhaus Wien) nur 0,1 bis 5,7 Prozent. 

Auch ein Geschäftsmodell?

Narzissmus an sich ist demnach zwar keine Krankheit, aber offenbar „en vogue“ und wohl auch ein Geschäftsmodell. Überall würden gerade Narzissten vermeintlich entlarvt; Medizinern zufolge sei dies jedoch eine Masche, bemerkte dazu der Kulturjournalist Quentin Lichtblau in der Wochenzeitung „Die Zeit“Allein ein Blick in das Angebot des weltweiten Marktführers im Online-Handel und eines bekannten Video-Portals gibt ihm wohl Recht: In modernen Gesellschaften scheint es von Narzissten nur so wimmeln, die ihre Mitmenschen, ihre Liebsten wie ihre Mitarbeiter, piesacken, malträtieren und sogar quälen. Mit der Folge, dass diese natürlich den Rat von Experten und manchmal auch therapeutischen Beistand benötigen sollen. Und so gibt es eine Vielzahl von Büchern mit Titel wie „Narzisstische Mütter, Narzisstische Väter“ und „Narzisstische Frauen“, „Narzisstische (Ex)-Partner und das gemeinsame Kind", der „liebende Narzisst", die „perfiden Spiele der Narzissten" und und und. „Wo ein Hype entsteht, ist der Markt nicht weit“, heißt es in der „Zeit“. Wohl war!